GIG008: Die Weinfenster in Florenz | Im Glas: Chianti und Montalcino

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Kleine Öffnungen in alten Mauern: In dieser Folge reisen wir nach Florenz und entdecken die geheimnisvollen buchette del vino, die Weinfenster der Stadt. Wir erzählen, warum adlige Familien Wein direkt durch die Hauswand verkauften, welche Rolle die Medici dabei spielten – und wie aus einer simplen Luke ein Stück Wirtschafts- und Alltagsgeschichte wurde. Passend zum Thema verkosten wir eine Auswahl toskanischer Weine: Vom leichten Sangiovese „Troncone“ aus Montalcino bis hin zum klassischen Brunello von Il Poggione. Zudem vergleichen wir moderne Chianti Classico-Stile von Istine und Tenuta di Carleone und probieren mit dem „Il Randagio“ einen rebellischen Cabernet Franc, der ganz ohne die traditionellen Regeln auskommt.

Shownotes zur Episode



Hintergrund zur Folge

Die sogenannten buchette del vino – die Weinfenster von Florenz – sind ein vor einigen Jahren wiederentdecktes Kapitel der Stadtgeschichte, das gleichzeitig Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte und Weingeschichte erzählt. Wer verkaufte hier? An wen? Und warum überhaupt durch ein Loch in der Wand? Die Antworten führen tief in die Welt der Florentiner Adelsfamilien, des Medici-Zeitalters und der frühen Weingesetzgebung.

Die buchette del vino: Kleine Öffnungen, große Geschichte

Wer sich fragt, wo Weinfenster in Florenz heute noch zu sehen sind, stößt auf eine erstaunliche Zahl: Laut der Associazione Culturale Buchette del Vino existieren in der gesamten Toskana noch rund 280 dieser Weinfenster – 178 davon allein in Florenz, 152 im historischen Stadtzentrum. Es handelte sich also offenbar nicht um ein Einzelphänomen, sondern etwas, dass wie selbstverständlich zum Stadtbild gehörte. Viele dieser Weinfenster sind heute allerdings zugemauert oder so unauffällig, dass man sie für dekorative Nischen oder religiöse Wandaltäre hält. Dabei hatten sie einen ganz praktischen Zweck, der sich aus einer einzigen Gemeinsamkeit erschließt: ihrer Größe.

Fast alle buchette messen ungefähr 30 mal 20 Zentimeter – genau groß genug für die klassische toskanische Weinflasche, den sogenannten Fiasco.

Die Fiasco-Flasche bzw. die Chianti-Korbflasche: Ein ikonisches Design

Der Fiasco ist die ikonische Weinflaschenform der Toskana: dickbauchig, mit langem Hals, umwickelt mit Weidengeflecht oder Stroh. Das Flechtwerk erfüllte einen rein praktischen Zweck – es schützte die Flasche beim Transport auf holprigen Straßen und schirmte den Wein vor Licht ab. Spätestens ab dem 14. Jahrhundert ist die Fiasco-Flasche überliefert, und ihre Form blieb über Jahrhunderte nahezu unverändert. Die Chianti-Korbflasche, wie sie heute noch viele kennen, ist direkt aus dieser Tradition entstanden. So verbreitet war die Fiasco-Flasche, dass sie zur offiziellen Maßeinheit im Weinhandel wurde – und ab 1626 trug sie das Florentiner Lilienwappen als staatliches Gütesiegel am Flaschenhals.

Chianti Korbflasche vor einer unscharfen steinernen Gebäudekulisse,
Die typische Chianti-Korbflasche, der sog. Fiasco
Quelle: Wikimedia, Giulio Nepi

Der Begriff fiasco ist übrigens mit dem deutschen Wort „Flasche“ verwandt (vom althochdeutschen flazkâ). Und ja: das Wort „Fiasko“ im Sinne von Misserfolg leitet sich tatsächlich von der Flasche ab, wo es im 18. Jahrhundert im italienischen Theaterjargon für ein komplett gescheitertes Stück entstand.

Wein in Florenz: Alltag und Wirtschaft

Im Florenz des 15. und 16. Jahrhunderts war Wein kein Genussmittel im modernen Sinne – er war ein Grundnahrungsmittel. Zeitgenössische Haushaltsrechnungen zeigen eine klare funktionale Trennung: Rotwein zur Hauptmahlzeit, Weißwein am Vormittag oder zur körperlichen Arbeit. Schätzungen gehen von einem Durchschnittsverbrauch von einem bis zwei Litern pro Tag aus – vielfach mit Wasser verdünnt. Wein galt darüber hinaus als Stärkungsmittel mit medizinischem Wert: Kranke, Rekonvaleszenten und stillende Mütter erhielten ihn gleichermaßen. Noch heute sagt man in Italien gelegentlich, Wein „verbessere das Blut“.

Diese Allgegenwart machte Wein zur wichtigsten Einnahmequelle der Stadt. Die Weinsteuer war über Jahrhunderte das Rückgrat der städtischen Finanzen: Alles, was durch die Stadttore kam, wurde besteuert. Diese Abgabe war so bedeutend, dass Florenz im 16. Jahrhundert eine eigene Silbermünze einführte, um ihre Abwicklung zu vereinfachen – den Barile, benannt nach dem Fass, dessen Steuer sie exakt abbildete. Eine Münze, ein Fass, Steuer beglichen.

Barile Münze aus dem Jahr 1506
Links: Stadtwappen (Lilie), Rechts: Stadtpatron Johannes der Täufer mit Jesus Christus

Quelle: Wikimedia, Classical Numismatic Group, Inc.

Seit 1288 waren Winzer, Händler und Verkäufer in der Arte dei Vinattieri organisiert, einer eigenen Zunft, die alle Aspekte des Handels regulierte: Öffnungszeiten der Tavernen, Preise für Fässer und Becher, Mindestabstände zu Kirchen und Klöstern – aber auch eine bemerkenswert modern anmutende Vorschrift: Der Verkauf salziger Speisen an Weinausschankorten war verboten, da er den Durst künstlich steigerte und damit als Betrug galt.

Die Entstehung der Weinfenster von Florenz: Privileg und Steuerschlupfloch

Nur Mitglieder der Arte dei Vinattieri durften offiziell mit Wein handeln. Es gab jedoch eine entscheidende Ausnahme: Weinbergbesitzer durften ihren eigenen Wein flaschenweise verkaufen – vorausgesetzt, die Trauben stammten vom eigenen Land und der Verkauf erfolgte vom privaten Wohnsitz aus.

Das machte den Direktverkauf für die großen Familien der Stadt außerordentlich attraktiv, und zwar aus einem handfesten steuerlichen Grund: Wein, der als Eigenbedarf in den privaten Keller einer adeligen Familie transportiert wurde, unterlag nicht der städtischen Weinsteuer. Vereinfacht dargestellt bedeutete das: Man produzierte auf dem eigenen Landgut Wein, transportierte ihn als Hausbedarf in den Stadtkeller – und verkaufte ihn von dort vollkommen legal flaschenweise weiter. Ein legales Steuerschlupfloch, das über Generationen funktionierte und sehr profitabel war.

Im mittelalterlichen Florenz war dieses System noch unkompliziert umzusetzen. Die Erdgeschosse der Stadtpalazzi bestanden aus offenen Loggien, Werkstätten und Lagerräumen – Kaufleute verkauften dort ihre Waren ganz selbstverständlich. Mit der Renaissance änderte sich jedoch die Architektur grundlegend. Die großen Familien errichteten massive, geschlossene Palazzi: steinerne Fassaden, schwere Tore, kaum Öffnungen. Diese Gebäude sollten Würde und Distanz ausstrahlen, keine Zugänglichkeit. Die Keller waren nun nur noch vom Innenhof aus zugänglich, Licht drang lediglich durch schmale Schlitze auf Straßenebene.

Die dauerhafte Lösung war denkbar einfach: Man schnitt eine kleine, flaschengroße Öffnung direkt in die Außenwand des Palazzo. Mit einem hölzernen Fensterladen, der sich von innen öffnen ließ, einem eisernen Türklopfer an der Außenseite und einem Kellermeister dahinter war das System komplett: Die buchette del vino waren geboren. Zu festgelegten Uhrzeiten klopften Käufer an, nannten ihre Sorte, reichten eine leere Flasche durch die Öffnung, bezahlten, fertig. Ein frühes Beispiel für anonymen Direktvertrieb, vom Erzeuger direkt zum Verbraucher.

Der Aufstieg der Medici

Florenz war lange Zeit offiziell eine demokratische Republik. Die neunköpfige Signoria wurde per Losverfahren bestimmt aus den großen und kleinen Zünften bestimmt, de facto aber dominierten die reichsten Kaufmannsfamilien das politische Leben, da sie kontrollierten, wessen Namen überhaupt in die Auslosungsbeutel gelangten. Drei Viertel der Stadtbevölkerung hatten zudem keinerlei politisches Mitspracherecht.

In dieser Oligarchie stiegen die Medici auf. Giovanni di Bicci de‘ Medici (1360-1429) baute aus dem Bankwesen heraus ein europäisches Finanzimperium auf, gestützt durch die lukrative Verwaltung päpstlicher Finanzen. Sein Sohn Cosimo (1389-1464) verwandelte wirtschaftliche Macht in politische Kontrolle: Durch Kredite und Patronage machte er Florenz faktisch von sich abhängig – ohne je einen Fürstentitel anzunehmen. Papst Pius II. fasste Cosimos Stellung treffend zusammen: er sei „in allem ein König, außer dem Namen nach“.

Unter Lorenzo il Magnifico (1449-1492) erreichte die Herrschaft der Medici dann ihren kulturellen Höhepunkt: Botticelli, Michelangelo – die Blütezeit der Renaissance in Florence. Gleichzeitig begann jedoch der wirtschaftliche Niedergang. Riskante Kredite, der Zusammenbruch des Burgunderreichs, unbezahlte englische Schulden aus dem Rosenkrieg. Nach Lorenzos Tod verloren die Medici zunächst ihre Stellung, kehrten jedoch zurück, nun dallerdings nicht mehr bloß als einflussreiche Bürger, sondern als von Kaiser Karl V. legitimierte Herzöge und schließlich vom Papst eingesetzte Großherzöge der Toskana.

Cosimo III. und die erste Herkunftsbezeichnung der Welt

Wein vom eigenen Gut, als Eigenbedarf deklariert, dann flaschenweise steuerfrei durch das Fenster verkauft – dieses System war so profitabel, dass es sich über die ganze Toskana verbreitete. Der Erfolg hatte jedoch eine Kehrseite: Es wurde mehr auf Masse statt auf Klasse produziert. Im frühen 17. Jahrhundert verdrängte der Weinbau teils den Getreideanbau, auch ungeeignete Flächen wurden bepflanzt. Das Ergebnis: viel Wein, wenig Qualität – während Frankreich längst Qualitätsweine durch ganz Europa exportierte.

Großherzog Cosimo III. dei Medici zog Konsequenzen. In seiner Regierungszeit (1670–1723) förderte er Rebsortenauswahl und landwirtschaftliche Forschung. 1716 erließ er eine Verordnung, die explizit die für Qualitätsweine geeigneten Gebiete der Toskana festlegte: Chianti, Pomino, Valdarno di Sopra und Carmignano.

Das ist – je nach Bewertungskriterium – wahrscheinlich die erste geschützte Ursprungsbezeichnung für Wein der Welt: über 200 Jahre vor der französischen AOC. Portugal (Douro-Tal, 1756) und Ungarn (Tokajer, 1730) reklamieren ähnliche Titel, zeitlich lag Chianti jedoch vorne. Cosimo III. war sich der Bedeutung dieser Herkunftsbezeichnung für den Export bewusst – doch die buchette, mit ihrem Fokus auf schnellen Lokalverkauf, standen diesem Qualitätsgedanken weiterhin diametral entgegen.

Liberalisierung und schleichender Niedergang

1772 liberalisierte Großherzog Pietro Leopoldo – mittlerweile regierten die Habsburg-Lothringer, die Medici waren 1737 „ausgestorben“ – den Weinhandel vollständig: Wein in Flaschen durfte nun überall in Florenz steuerfrei verkauft werden, unabhängig von Herkunft oder Eigenproduktion. Der Impuls zur Qualität fehlte damit endgültig.

Ökonomen wie Pietro Ferroni (1825) und der Denker Carlo Azzi (1872) beklagten die Kurzsichtigkeit: Die Landbesitzer verkauften sofort, roh, lokal – statt zu lagern, zu veredeln, zu exportieren, wie es die renommiertesten Weine Europas zeigten.

Dann kamen die Weinplagen: Echter Mehltau in den 1860ern, Reblaus 1870, Falscher Mehltau 1878 – drei Schläge in zwei Jahrzehnten, die die Produktion fast zum Erliegen brachten. Parallel dazu veränderte die Industrialisierung das Kaufverhalten: Wein war nun überall erhältlich, nicht mehr nur durch das diskrete Fenster im Adelspalast.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts gerieten die buchette in Vergessenheit – bis sie während der Corona-Pandemie eine unerwartete Renaissance erlebten. Kontaktlos, direkt, diskret: Was in der frühen Neuzeit bereits bei der Pest nützlich war, war während Corona plötzlich wieder genauso praktisch. Weinfenster wurden im Lockdown reaktiviert und verkauften erneut Wein, aber auch Pizza und Eis direkt auf die Straße.

Die verkosteten Weine

Sechs rote Weine, eine Region – und die Frage, wie unterschiedlich die Toskana eigentlich schmecken kann. Ein früh zugänglicher Sangiovese aus Montalcino ebenso wie ein Brunello, der noch Zeit braucht, um sich zu öffnen. Zwei Chianti Classico aus derselben Gemeinde stehen für unterschiedliche Handschriften. Und am Ende zwei Weine, die Sangiovese hinter sich lassen und zeigen, was die Toskana jenseits ihrer bekanntesten Rebsorte zu bieten hat.

Sangiovese – DIE Rebsorte der Toskana

Wer toskanischen Wein trinkt, trinkt meistens Sangiovese. Mit rund 67.000 Hektar Anbaufläche ist er Italiens am häufigsten angebaute Rebsorte und prägt nicht nur die Toskana, sondern auch Umbrien, die Marken und Latium. Chianti Classico, Brunello di Montalcino, Vino Nobile di Montepulciano – sie alle basieren auf ihr.

Eine Traube der italienischen Rebsorte Sangiovese
Quelle: Ursula Brühl, Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof

Die Ursprünge der Rebsorte reichen möglicherweise bis zu den Etruskern zurück. Schriftlich dokumentiert ist der Name erstmals 1590 als „Sangioveto“. Der heute gebräuchliche Name Sangiovese wird häufig mit einer Anekdote erklärt: Als Papst Leo XII. Mönche nach dem Namen ihres Rotweins fragte, blickten diese auf ihren Hügel und antworteten „Sanguis Jovis“ – Blut des Jupiters. Wahrscheinlicher ist jedoch eine weniger prosaische Herkunft: ein Wein vom Monte Giove bei Rimini.

Im Anbau gilt Sangiovese als anspruchsvoll. Er reift spät – meist zwischen Ende September und Mitte Oktober – und reagiert empfindlich auf das Klima: In heißen Jahren entstehen alkoholreiche, langlebige Weine, in kühlen Jahren kämpft er mit harter Säure und strengen Tanninen. Er mag karge, kalkhaltige Böden und verliert auf zu fruchtbaren Standorten schnell an Qualität. Im Glas zeigt er ausgeprägte Säure, deutliche Tannine, rote Früchte wie Sauerkirsche, trockene Kräuter und florale Noten. Klassischerweise ein Wein, der am Tisch besser funktioniert als allein im Glas.

Montalcino und Brunello: Zeit als Qualitätsmerkmal

Montalcino ist eine kleine Gemeinde mit rund 5.600 Einwohnern in der Südtoskana, unweit von Siena, auf etwa 600 Metern Höhe gelegen. Der Name bedeutet wörtlich „Steineichenberg“. Die Lage macht den Unterschied: Das Gebiet ist das trockenste der Toskana, wird von den Extremwetterlagen durch den Monte Amiata geschützt, und die Weine fallen dadurch voller und strukturierter aus als im restlichen Toskana.

Der Brunello di Montalcino gilt als einer der renommiertesten Rotweine Italiens – und als einer, der Zeit braucht. 1865 wurde er vom Weingut Biondi-Santi auf Basis eines vermeintlich überlegenen Sangiovese-Klons namens „Brunello“ oder „Grosso“ entwickelt. Spätere Forschungen zeigten: Es ist dieselbe Rebsorte wie überall sonst. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb Biondi-Santi der einzige kommerzielle Produzent. In den 1960er Jahren kam das amerikanische Unternehmen Banfi, scheiterte zunächst mit Süßweinen und erzielte dann den entscheidenden Durchbruch mit Brunello. Aus 60 Hektar und 11 Weingütern in den frühen 1960ern wurden 2.100 Hektar und 260 Weingüter heute. 1980 war Brunello di Montalcino das erste Gebiet Italiens, das den DOCG-Status erhielt – mit einer Mindestreifezeit von vier Jahren, davon zwei im Fass.

Brunellogate: Der Skandal, der die Region veränderte

So erfolgreich die Region wurde, so tief fiel sie 2007 zunächst. Konsumenten und Kritiker hatten sich gewundert, warum viele Brunellos die typischen rotbeerigen Aromen vermissen ließen und eher marmeladig wirkten. Polizeiliche Untersuchungen folgten, auf der Vinitaly 2008 wurden Millionen von Flaschen beschlagnahmt. Der Verdacht: Zahlreiche Produzenten hatten ihren Brunello mit anderen Rebsorten verschnitten, um gefälligere, international besser verkäufliche Weine zu produzieren

20 Produzenten standen unter konkretem Betrugsverdacht, einigen wurde die Berechtigung entzogen, Brunello überhaupt noch zu verkaufen. Die USA verhängten für mehrere Monate ein Embargo. Die Folge war jedoch eine größere Vielfalt: Montalcino öffnete sich danach auch für schlankere, frischere Interpretationen jenseits der schweren, hochkonzentrierten Power-Brunellos.

Wein 1 & 2: Le Ragnaie „Troncone“ vs. Il Poggione Brunello di Montalcino

Beide Weine stammen aus Montalcino, beide aus 100% Sangiovese – und könnten trotzdem kaum unterschiedlicher sein. Der Troncone von Le Ragnaie ist bewusst kein kleiner Brunello, sondern ein eigenständiger, früh zugänglicher Sangiovese: hellrot, transparent, mit roter Beerenfrucht, klarer Säure und leichter Würze, ausgebaut in großen slawonischen Eichenfässern, die Holz als Reifungsgefäß nutzen, nicht als Geschmacksgeber. Preis: 14,50 Euro.

Dahinter steckt das 2002 von Riccardo und Jennifer Campinoti gegründete Weingut Le Ragnaie, benannt nach einem traditionellen Netz zum Vogelfang. Mit 23 Hektar Sangiovese auf bis zu 600 Metern Höhe – der Obergrenze von Montalcino – verfolgt Riccardo Campinoti das burgundische Prinzip: Eleganz und Terroir-Ausdruck statt Extraktion und Masse.

Der Il Poggione Brunello di Montalcino 2020 steht für das genaue Gegenteil dieser Zugänglichkeit: Keller, Tiefe, ein Gewürzkelch aus Zimt und Nelke, balsamische Noten, dunkle Beeren, Tabak – und zum jetzigen Zeitpunkt noch deutlich verschlossen. Herbe Tannine, 14,5% Alkohol, drei Jahre in großem französischen Eichenholz, ein Jahr Flaschenreife. Ein Wein, der Zeit braucht. Preis: 45,00 Euro.

Tenuta Il Poggione – übersetzt „der große Hügel“ – wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und befindet sich heute in der fünften Generation der Familie Franceschi. Das Weingut im südlichen, wärmeren Teil von Montalcino gehört zu den „Big Three“, die den Brunello als Kategorie etabliert haben, und war 1967 Gründungsmitglied des Consorzio del Brunello di Montalcino. Der Stil ist klassisch: kraftvoll, strukturiert, langlebig.

Chianti Classico – das Herzland

Zwischen Florenz und Siena, auf 22.000 Hektar Anbaufläche, liegt das Chianti-Gebiet. Was heute wie eine klare Geographie wirkt, hat eine komplizierte Geschichte: Der Name Chianti war so erfolgreich und wurde so rücksichtslos kopiert, dass 1932 das Gebiet massiv erweitert wurde – und gleichzeitig der Begriff Chianti Classico eingeführt werden musste, um das historische Kernland zu schützen. 1996 löste sich Chianti Classico schließlich vollständig als eigenständiges DOCG heraus – eine Art Scheidung, bei der man aber noch im selben Haus wohnt: Wer Winzer im Chianti Classico ist, kann nicht gleichzeitig Chianti-Winzer sein.

Karte der Chianti Weinbaugebiete

Chianti-Weinanbaugebiete
Quelle: Wikimedia, Kattivik

Das Chianti Classico ist im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, im 18. Jahrhundert unter florentinischer Herrschaft – die Medici zogen die ersten offiziellen Grenzen, weil der Name bereits damals raubkopiert wurde. Heute verkaufen 340 Winzer Chianti Classico, erkennbar am schwarzen Hahn, dem Gallo Nero, der seit dem 14. Jahrhundert als Markenzeichen gilt. Die Vorschriften: mindestens 80% Sangiovese, kein Weißweinverschnitt, mindestens 12 Monate Reifezeit. Für die Kategorie Gran Selezione gilt ab 2027 ein Mindestanteil von 90% Sangiovese und 30 Monate Reifezeit. Neu eingeführt wurden zudem 11 Unterregionen, sogenannte UGA – ein System, das an die Dörfer des Burgunds erinnert.

Was alle Weine eint, ist das Klima: sonnige Tage bis in den Herbst, eine leichte Brise vom Meer, kühle Nächte durch die erhöhte Lage und trockene, poröse Mergelböden (Galestro) – genau das, was Sangiovese braucht.

Wein 3 & 4: Istine vs. Tenuta di Carleone Chianti Classico

Beide Weine kommen aus Radda in Chianti, beide aus 100% Sangiovese, beide aus ähnlicher Höhenlage – und zeigen trotzdem zwei sehr unterschiedliche Gesichter des Chianti Classico.

Der Istine Chianti Classico 2022 ist kühl, schlank, präzise: Sauerkirsche, klare Säure, staubige Tannine, frisch und direkt. 45 Tage Mazeration in Beton, ein Jahr in großen österreichischen Holzfässern, die für ihre Neutralität bekannt sind. Ein klassischer Chianti mit viel Frische. Preis: 17,90 Euro.

Hinter dem Wein steht Angela Fronti, die treibende Kraft und Önologin des Familienbetriebs Istine. Sie hat Önologie heimlich studiert – anfangs ohne es den Eltern zu erzählen – und gilt heute als Rising Star im Chianti Classico, ausgezeichnet als Winzerin des Jahres vom Gambero Rosso. Das 25-Hektar-Weingut liegt auf 500 Metern Höhe in einem der bewaldetsten Teile von Radda, wo nur fünf Prozent der Fläche mit Weinreben bestockt sind.

Der Tenuta di Carleone Chianti Classico 2023 zeigt mehr Fülle und Dunkelheit: Pflaume, warme Würze, dunkle Kirsche, straffe Säure, mittlerer Körper, langer Abgang. Zwei Monate Mazeration, spontanvergoren, gereift in Zement und gebrauchtem Holz. Moderner, präziser, etwas zugänglicher. Preis: 25,00 Euro.

Das Weingut Tenuta di Carleone wurde 2012 von der österreichischen Unternehmerfamilie Egger aus Linz gegründet – klassisch im Toskana-Urlaub in ein Anwesen verliebt. Den Stil prägt Winemaker Sean O’Callaghan, ein in Sri Lanka geborener Brite, der in Geisenheim studierte, auf Schlossgut Diel Riesling machte und später 20 Jahre lang den Stil des renommierten Weinguts Riecine in der Toskana prägte. In der Szene bekannt als Il Guercio – der Einäugige – gilt er als einer der radikalsten Verfechter eines eleganten, präzisen Sangiovese-Stils.

IGT – Freiheit jenseits der Tradition

Nicht jeder großartige Wein der Toskana trägt ein DOCG-Siegel. Die Kategorie IGT – Indicazione Geografica Tipica – gibt Winzern die Freiheit, außerhalb der strengen Vorschriften zu arbeiten: andere Rebsorten, andere Verschnitte, andere Ausbaumethoden. In der Toskana haben einige der spannendsten Weine der letzten Jahrzehnte genau aus dieser Freiheit heraus ihren Ursprung.

Wein 5 & 6: Le Boncie „5 Cinque“ vs. Tenuta di Carleone „Il Randagio“

Der Le Boncie „5 Cinque“ 2022 ist ein Wein, der Chianti Classico bewusst hinter sich lässt: kräutrig, erdig, saftig, mit Pflaume und Kirsche, gut eingebundener Säure und frischer Würze. Kein reinsortiger Sangiovese, sondern ein Fünftel je Ciliegiolo, Colorino, Foglia Tonda, Mammolo und Sangiovese – alles autochthone toskanische Sorten, die Winzerin Giovanna Morganti nach jahrelanger Forschung an über 300 einheimischen Rebsorten für das Weingebut Le Boncie ausgewählt hat. Kurze Mazeration ohne Temperaturkontrolle, Ausbau im gebrauchten Barrique. Preis: 26,50 Euro.

Giovanna Morgantis Weg ist ungewöhnlich: Die Tochter eines bekannten Önologen begleitete ihren Vater seit Kindesalter, studierte selbst Önologie, arbeitete danach als Beraterin durch die Toskana. Ihr Vater schenkte ihr schließlich eine kleine Podere mit Olivenbäumen, die sie mit ihren Lieblingssorten bepflanzte. 1990 entstand der erste Wein. Heute bewirtschaftet sie 3,5 Hektar, produziert rund 18.500 Flaschen im Jahr und macht genau zwei Weine: „5 Cinque“ und „Le Trame“. Manche bezeichnen ihre Weine als die Essenz der Toskana.

Der Tenuta di Carleone „Il Randagio“ 2021 – der Streuner – verlässt Sangiovese vollständig: 50% Merlot, 50% Cabernet Franc, 12 Monate im Zementtank. Im Glas: wenig Frucht, sehr dunkle Beeren, Würze, dunkle Schokolade, griffige Tannine, angenehme Säure, langer Abgang. Ein Wein, der zeigt, was im Chianti Classico-Gebiet möglich ist, wenn man die Regeln des DOCG beiseitelegt. Preis: 16,90 Euro.

Weinguts-Bezeichnungen in der Toskana: Was bedeutet eigentlich Tenuta oder Fattoria?

Wer toskanische Weinetiketten liest, begegnet immer wieder denselben Begriffen – und keiner davon ist beliebig. Sie beschreiben jeweils eine andere Beziehung zwischen Familie, Land und Betrieb.

Podere – das kleinste und ursprünglichste Konzept. Wörtlich ein kleiner Bauernhof, groß genug für eine Pächterfamilie, mit begrenzter Produktionsmenge. Das Wort leitet sich von potere (können, vermögen) ab: ein Hof, von dem eine Familie leben kann. Podere Le Boncie ist das treffendste Beispiel des Abends – 3,5 Hektar, eine Winzerin, zwei Weine.

Fattoria – der Verwalter-Betrieb. Leitet sich vom Fattore, dem Gutsverwalter, ab – einem Gut, dem mehrere Poderi unterstellt waren und Abgaben leisteten. Heute steht der Begriff für eher bodenständige, bäuerliche Mischbetriebe mit Weinanbau als einem von mehreren Standbeinen.

Tenuta – der Besitz. Vom lateinischen tenere (halten, innehaben): ein größeres landwirtschaftliches Anwesen mit dazugehörigem Landbesitz. Tenuta di Carleone mit 100 Hektar und Tenuta Il Poggione mit 140 Hektar Weinbau sind klassische Vertreter – größere Betriebe, bei denen der Landbesitz selbst im Mittelpunkt steht.

Cantina – die Kellerei. Als einziger Begriff beschreibt er nicht das Land, sondern das Gebäude und den Produktionsprozess. Fokus auf den Keller, nicht auf die Herkunft.

Daneben existieren noch Castello für adlige Weingüter mit historischem Schloss sowie Azienda Agricola als neutraler Begriff für landwirtschaftliche Betriebe – beide im heutigen Sprachgebrauch weniger eindeutig positioniert als die anderen Bezeichnungen.

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Transkript zu Die Weinfenster in Florenz | Im Glas: Chianti & Montalcino

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Marcel 0:01:44
Moin, moin, moin.
Heiko 0:01:46
Hallo oder buongiorno und benvenuto zu einer neuen Folge Geschichte im Glas. Schön, dass ihr wieder dazugeschaltet habt, sozusagen.
Marcel 0:01:56
Hallo, herzlich willkommen.
Heiko 0:01:58
Ja, heute nehmen wir euch mit nach Florenz, wie ihr nach dem Code-Opener schon vermuten konntet und nach dem Titel Weinfenster in Florenz, dieser heutigen Folge. Aber nicht in den berühmten Dom, nicht in die Uffizien oder auch nicht zum grandiosen David des Michelangelo. Nein, heute schauen wir uns kleine, unscheinbare Löcher in alten Mauern an.
Marcel 0:02:18
Okay.
Heiko 0:02:19
Ja, das klingt erstmal nicht allzu spektakulär zugegeben, aber ich kann euch versprechen und auch dir, Marcel, es wird interessant. Sehr sogar. Und natürlich wird es auch wieder schmackhaft, denke ich. Also ich schiele schon wieder zu den Weinen, die du heute mitgebracht hast.
Marcel 0:02:33
Bevor wir gleich über die Weine kurz sprechen, wollte ich dich fragen, Heiko. Wir sind ja hier im Reisepodcast. Wir waren beide schon in der Toskana.
Heiko 0:02:45
Ja. Und ich würde auch wieder hinfahren.
Marcel 0:02:49
Wie oft warst du da gewesen?
Heiko 0:02:50
Einmal.
Marcel 0:02:52
Aber du warst in Florenz.
Heiko 0:02:53
Ich war unter anderem in Florenz. Hab mir besagten David zum Beispiel angeguckt in den Uffizien und den Dom, den ich eben…
Marcel 0:03:03
Klang zu sehr nach Insider.
Heiko 0:03:06
Und kann es auch nur empfehlen. Und ich bin jetzt nicht so ein… ich sag mal, also total so kunstaffin oder so. Ich mag Kunst und so weiter, aber es ist jetzt nicht so, dass ich dann total erhaben vor so einem Gemälde oder so stehe. Und ich hab mir auch immer gedacht, wenn man diesen David, kannte ich natürlich auf den Fotos, und dachte ich mir so, ja, sieht gut aus, aber warum ist das jetzt wie das Nonplusultra? Aber wenn du denn davor stehst und die Hand vor allem zum Beispiel siehst und wie er da steht, das ist schon, muss ich dann doch gestehen, das macht was. Das war schon irgendwie ehrfurcht geblieben und irgendwie beeindruckend. Deswegen…
Marcel 0:03:40
Ich war noch nicht in Florenz selber. Ich war auch in der Toskana, aber mehr in der Landschaft. Ich erinnere mich, und das ist jetzt auch schon eine Weile her, also auf jeden Fall nicht nur zwei, drei Jährchen, sondern ein bisschen länger. Ich habe auf jeden Fall eine Erinnerung, wo ich in so einer frühen Sommernacht Glühwürmchen in der Nacht gesehen habe, so in so Mitten von Hüllen.
Heiko 0:04:00
Süß.
Marcel 0:04:01
Das ist ja jetzt so ein Bild, was man eher aus dem Fernsehen kennt und weniger in der wirklichen Natur. Und das verbinde ich total damit, so dieses wirklich warme Frühsommer-Vergleich zu unserem kalten, aber dennoch heute sonnigen Sonntag.
Heiko 0:04:16
Das stimmt, kalt, aber sonnig. Aber ja, wenn du davon berichtst, man kriegt richtig so ein, auch wie so ein Geruch oder so in der Nase, wenn du sowas erzählst. Ja doch, da kriegt man richtig Lust eigentlich nochmal hinzufahren.
Marcel 0:04:29
Geruch in der Nase werden wir auf jeden Fall halt auch haben. Und wir sind auch wieder in Italien, nachdem wir Goethe 2 schon mal auch in Italien unterwegs waren. Und vielleicht im Weinkontext nicht ohne Grund, auch wieder zurück nach Italien zu kehren. Meinetwegen können wir wirklich auch öfters mal nach Italien zurückkehren. Gar kein Problem.
Heiko 0:04:49
Also ich werde mich nicht widersetzen.
Marcel 0:04:51
Ich mich sowieso nicht. Wir haben, glaube ich, vor kurzem auch darüber gesprochen, wer die Weinproduktion anführt. Und jetzt habe ich so sehr geteasert, dass ich die, glaube ich, nicht fragen sollte.
Heiko 0:05:03
Also wahrscheinlich Italien. Also ich weiß noch in der letzten Folge, dass überraschenderweise irgendwie Kalifornien nach, glaube ich, Italien und Spanien oder so, in dem Zusammenhang hatten wir es, glaube ich, erwähnt.
Marcel 0:05:12
Ja, genau, dass Italien das auf jeden Fall anführt. Das ist so ein bisschen der Weinproduktionsführer der Welt. mit 76.000 Hektar Anbaufläche, 2023, relativ groß. Und jetzt sind wir ja spezifisch in der Toskana unterwegs. Und das ist eine der zumindest bekanntesten Weinregionen von Italien, würde ich jetzt mal behaupten. Wir werden auch einige Weine heute dabei haben, die man vielleicht schon mal gehört hat vom Namen, was so Bock auf Pizza hier macht. Genau, und das ist prinzipiell auch eine ziemlich große Anbaufläche in der Toskana selbst. Das sind nämlich 60.000 Hektar. Nur nochmal im Vergleich. Deutschland hat 100.000 Hektar. Dementsprechend schwierig ist natürlich dann auch die Auswahl, wenn man dann so ein großes Gebiet hat. Was es ein bisschen einfacher macht, ist, dass in der Toskana zu über 80 Prozent Rotwein produziert wird. Sprich, auch heute haben wir nur Rote dabei. Und ja, Italien, ich habe durch die eine Weinreise auch jemanden kennengelernt, Marco, der jetzt mein italienischer Weinsensor ist und mir so ein paar Empfehlungen mitgegeben hat. Genau, und deswegen habe ich aus zwölf Weinen heute welche ausgesucht und wir trinken sechs und zwar sechs.
Heiko 0:06:24
Auch stattlich. Eben habe ich aber kurz mein Herzen, die Hose gerade zwölf gesagt.
Marcel 0:06:28
Das wird immer mehr.
Heiko 0:06:30
Aber sechs ist ja sogar weniger als in der letzten.
Marcel 0:06:32
Wir gehen langsam jetzt wieder runter. Genau, und die Frage ist natürlich so aus Weinsicht, wie unterschiedlich kann die Toskana eigentlich schmecken? Vielleicht können wir das heute beantworten. Also… Vielleicht schon mal vorab gesagt, wir trinken auch eigentlich fast nur eine Rebsorte. Also nicht ganz so. Wir auf jeden Fall haben den Fokus auf die Rebsorte Sangiovese. Ich weiß nicht, ob du die schon mal…
Heiko 0:06:56
Das habe ich schon gehört. Ja, doch, auf jeden Fall.
Marcel 0:06:58
Und hast du den auch schon mal bewusst getrunken? Jetzt kommt wieder die Frage.
Heiko 0:07:02
Hast du dich schon mal damit auseinandergesetzt?
Marcel 0:07:03
Genau, hast du dich schon mal…
Heiko 0:07:04
Also bewusst im Sinne von, dass ich auf jeden Fall weiß, dass ich es schon mal getrunken habe. Ich habe auf jeden Fall mal getrunken und dann geguckt, was trinke ich denn da sozusagen. Aber ich habe nicht jetzt wirklich aktiv gesagt, oh, jetzt heute probiere ich mal ein San Jose oder so. Sonst war eher wahrscheinlich in einem, vielleicht sogar in der Toskana, in einem Restaurant oder so, wo man einfach dann vielleicht den Hauswein bestellt hat und dann war das sehr wahrscheinlich.
Marcel 0:07:22
Also du hast keinen bedeutenden Moment.
Heiko 0:07:24
Ich habe keine Glühböhmchen dazu gesehen.
Marcel 0:07:26
Nee, nee, nee, aber so wo du sagst, okay, der Wein, der war ein bisschen besonders.
Heiko 0:07:31
Achso, oh Gott. Das klingt jetzt so, als hätten wir vielleicht einen Moment gehabt, wo wir den getrunken haben. Oh nein.
Marcel 0:07:38
Wir werden das aufklären. Wir werden es auch klären.
Heiko 0:07:41
Oh Gott.
Marcel 0:07:42
Ich glaube nämlich schon, dass du es eher bewusst, also bewusst scheinbar nicht, aber wir haben auf jeden Fall schon mal einen getrunken zusammen.
Heiko 0:07:48
Die Hörerinnen und Hörer können es nicht sehen, aber ich werde auf jeden Fall gerade rot. Ich fühle richtig das Blut in mein Gesicht schießen. Oh je, ich bin gespannt, was ich da gerade für ein Fettnäpfchen erwischt habe.
Marcel 0:07:57
Na, mal gucken. Also wir trinken zwei Weine aus Montalcino am Anfang. Wir werden immer so kleine Pärchen zusammen trinken. Wir trinken zwei Weine aus dem Chianti Classico.
Heiko 0:08:09
Chianti.
Marcel 0:08:09
Und dann nochmal zwei auch aus der Gegend, aber vielleicht nochmal ganz was anderes als die ersten beiden. Und dann würde ich sagen, entscheiden wir jeweils, also du wirst mich ja heute auch ins Thema so ein bisschen einführen, weil ich habe außer so ganz grob eine Idee natürlich auch noch nicht, ich weiß überhaupt gar nichts über das Thema. Ich bin aber der Meinung, dass wir am Ende eventuell entscheiden können, was geeignete Fensterweine sind. Und eventuell gibt es das gar nicht. Und ich bin da einer Ente auferlegen. Aber zumindest konnten auch andere Leute mit diesem Begriff was anfangen. Insofern, also auch in dem italien Kontext. Insofern hoffe ich mal, dass wir da am Ende ein Fazit zuziehen können.
Heiko 0:08:53
Bestimmt. Okay, bevor ich starte, vielleicht einmal noch die kleine Erinnerung. Das haben wir jetzt in den letzten Folgen nicht gemacht. Wir wollen jetzt auch nicht jedes Mal nerven damit.
Marcel 0:09:03
Ach doch, wir können einfach immer wieder wiederholen.
Heiko 0:09:06
Genau, aber wenn ihr uns hört und auch immer noch hört und wir euch gefallen der Podcast euch gefällt und es noch nicht gemacht habt, abonniert uns gerne und lasst eine Bewertung da. Also es muss auch nicht ein Kommentar sein. Es reicht, wenn ihr da einfach eine Sternebewertung da lasst. Ich glaube, man muss nicht in jeder Podcast-App auch wirklich was schreiben und Abos. Das hilft uns einfach, die Reichweite noch auszuweiten. Genau, also wenn man heute durch Florenz spaziert, also ich wollte dich ursprünglich natürlich fragen, ob du vielleicht denn mal da warst oder so, ob dir da so eine Weinfenster aufgefallen sind. Aber du meintest jetzt schon gerade, du warst gar nicht da. Aber wenn man oder wenn du theoretisch bei deinem nächsten Toskana-Urlaub auch Florenz besucht und da so ein bisschen langspazierst und die Augen offen hältst, dann kann man sie hier und da entdecken, diese sogenannten Weinfenster von Florenz oder auf Italienisch nennt man sie Buket del Vino. Laut der Assoziatione kulturale Bukette del Vino gibt es rund 280 davon in der gesamten Toskana. Also theoretisch hättest du sie vielleicht auch woanders sehen können. Allerdings 178 davon eben allein in Florenz und davon wiederum 152 ist im historischen Stadtzentrum. Also es ist jetzt kein exotisches Einzelphänomen, sondern wirklich was das ganz offenbar zum Straßen und zum Stadtbild gehörte.
Marcel 0:10:17
Ja, also sind das im Prinzip hier jetzt schon aus dem Intro und dem etwas, was du erzählt hast. Das ist ja quasi wie 152 Weinläden.
Heiko 0:10:24
Sozusagen, aber was, ja, warte ab. Genau darum wird es gehen, ehrlicherweise. Deswegen, ja, das erzähle ich dir und euch da draußen heute. Ich habe dir erstmal grundsätzlich ein exemplarisches Bild davon mitgebracht. Auch wenn ihr jetzt das Titelbild unserer Folge gesehen habt, da ist ja auch schon so ein Weinfenster drauf. Also ihr habt schon eine Vorstellung davon, wie das Ganze aussieht. Aber nochmal ein zweites Beispiel, dass man einfach sieht, wie das aussieht. Viele sind davon inzwischen allerdings zugemauert oder sind so unauffällig, dass man sie vielleicht, wenn dann für so eine dekorative Nische hält, wo vielleicht mal so eine Madonna-Statue drin steht oder so. Man kennt das so ein bisschen aus Italien ja auch, so diese Wandnischen, dass man das so ein bisschen verwechselt. Aber diese Öffnungen hatten tatsächlich einen ganz anderen Zweck und der erschließt sich eigentlich auch erstaunlich schnell, wenn man eben sich eine Gemeinsamkeit anschaut. Deswegen vielleicht ganz gut, dass wir einmal das Titelbild haben. Und einmal jetzt das Bild, was ich mitgebracht habe. Ich weiß nicht, ob dir ad hoc oder so mal eben auffällt, was die beiden vielleicht ähnlich haben.
Marcel 0:11:21
Das Titebild. Aber prinzipiell ist auf jeden Fall die Form, also wir haben einfach so einen Halbbogen, so einen Halbbogen, ansonsten fällt mir dann nur noch auf, das ist natürlich auch so ein schönes Gelb, oder wie sagt man?
Heiko 0:11:37
Ja gut, die Farbe, es gibt natürlich in verschiedenen Formen und Dekorativen, aber genau, das ist einmal die Form, aber auch vor allem die Größe ist bei fast allen dieser 280 sehr, sehr, sehr gleich. Die messen nämlich alle ungefähr 30 mal 20 Zentimeter Und das ist kein Zufall, denn das ist ziemlich genau eine Größe, durch die so eine klassische toskanische Weinflasche passt. Und die heißt Fiasko.
Marcel 0:11:58
Fiasko.
Heiko 0:11:59
Fiasko. Und wir hatten in den vergangenen Folgen ja schon immer wieder mal das Thema so Flaschenarten. Zum Beispiel, du hattest die Boxbeutelflasche in der ersten Goethe-Folge mitgebracht. Oder wir hatten dann Bordeaux- und Burgundflaschen. Daher finde ich es irgendwie spannend, dass uns auch dieses Thema irgendwie immer wiederkehrend begleitet. So verschiedene Flaschenarten. Und der Fiasko ist eben diese typisch toskanische Flasche. Auch davon habe ich ein Bild mitgebracht. Und beschreibt doch mal sonst aber kurz so den Hörerinnen und Hörern, die das jetzt vielleicht nicht bei Instagram oder in ihrem Podcast-Player oder per Klick auf den Link in den Shownotes sehen können, was diese Flasche so ausmacht vielleicht, wie die aussieht.
Marcel 0:12:31
Wir haben eine sehr bauchige Flasche, also sehr viel bauchiger als auch die, also ich meine gut, die Burgunderflasche ist halt einfach überhaupt gar nicht bauchig dagegen oder auch die, ich meine der Boxbeutel ist natürlich sehr viel bauchiger, aber wir haben jetzt einfach eine zu allen Seiten bauchige Weinflasche und wir haben noch so eine Art Basskorb, wo die dann drinsteht.
Heiko 0:12:52
Genau, also sie ist dickbauchig und ist mit so einem Weidengeflecht oder Stroh umwickelt. Und der Begriff Fiasko ist übrigens tatsächlich mit dem deutschen Wort Flasche verwandt, das vom althochdeutschen Flasker. Und ja, das Wort Fiasko, wie wir es kennen, so im Sinne von Misserfolg oder so, das kommt tatsächlich von dieser Flasche, das ist kein Zufall.
Marcel 0:13:10
Ach echt, war ja meine erste Assoziation gewesen. Oh la la, ein Fiasko.
Heiko 0:13:16
Ja, ja, ja. Das ist tatsächlich so, dass das damit zusammenhängt. Irgendwann im 18. Jahrhundert taucht nämlich im italienischen Theater-Gangon dann das Wort Fiasco auf, um so ein Stück zu bezeichnen, das beim Publikum komplett durchfiel und wandert dann von dort auch in andere Sprachen, ins Französische und auch ins Deutsche. Wir kennen das ja auch, das ist inzwischen auch in unserem Sprachgebrauch. warum jetzt ausgerechnet die Flasche dafür herhalten musste, das lässt sich nicht mehr ganz eindeutig rekonstruieren. Es gibt verschiedene Theorien, vielleicht steckt tatsächlich so eine ähnliche Logik dahinter, wie so unsere Beleidigungen, wenn wir fragen, was bist du denn für eine Flasche oder so, das kann tatsächlich sein. Eine andere Theorie ist, dass es sich vielleicht auf so eine schlechte Vorführung bezieht oder zurückgeht, die irgendwas mit einer Flasche zu tun hat, wo irgendjemand was mit einer Flasche vielleicht vorgeführt hat oder so, aber ja, sei es drum, dass das auch nur am Rande, aber ich fand es eigentlich ganz interessant, also das ist nicht ein zufälliges Wort, sondern rein etymologisch, also sprachwissenschaftlich hängt das miteinander zusammen. Und die Fiaskoflasche in der Toskana selbst ist spätestens ab dem 14. Jahrhundert überliefert und bleibt dann über Jahrhunderte eigentlich maßgeblich unverändert, Das Flechtwerk hatte auch einen ganz praktischen Zweck. Kannst du dir vorstellen, welchen? Also warum man das da jetzt so mit Stroh noch umwickelt?
Marcel 0:14:26
Das hat wahrscheinlich irgendwie aus Transportgründen. Also es ist ein bisschen geschützter auch. Die wird wahrscheinlich nicht super dick gewesen sein, oder?
Heiko 0:14:33
Exakt. Es schützt tatsächlich die Flasche einmal natürlich auch vor Licht. Also das will man auch. Aber vor allem auch beim Transport, wenn sie so auf Karren gestapelt, dann über die holprigen Straßen der Toskana sozusagen gefahren wird. Ich habe nochmal ein Bild mitgebracht.
Marcel 0:14:45
Das ist transparent.
Heiko 0:14:46
Ja, genau. Aber ich habe nochmal ein Bild mitgebracht, das ist jetzt später, das ist um 1900, aber selbst da sieht man einfach noch, wenn die Flaschen so auf so einem solchen Karren eben gestapelt und transportiert wurden. Das fand ich eigentlich ganz spannend, auch wenn das jetzt ein paar Jahrhunderte weiter ist, zumindest der Beginn unserer Folge. Die Fiaskoflasche jedenfalls war so verbreitet, dass sie dann auch zu einer offiziellen Maßeinheit wurde. Und während Bauern den Wein in Fässern maßen, verwendeten Weinhändler diese Flaschen im Prinzip als Standardmaßeinheit. Und weil es so verbreitet war, musste dann eben das Fassungsvermögen auch gesetzlich geregelt werden. Es muss ja alles irgendwie seine Ordnung haben, es muss Betrug vereitelt werden. Es gab so ein bisschen verschiedene Größen, so ein Halbquart und ein Viertelquart und so weiter. Aber es war auf jeden Fall gesetzlich geregelt. Und zunächst versah das Amt für Gewichte und Maße die Flaschen mit so einem Bleisiegel, die dann halt kontrolliert wurden.
Marcel 0:15:39
Bleisiegel?
Heiko 0:15:39
Ja. Und später, also ab 1626 wurde dann das florentinische Lilienwappen, also die Fleur de Lille, direkt am Flaschenhals so als Gütesiegel angebracht. Ähnlich das an irgendwas?
Marcel 0:15:49
Also so ein Wappen hatten wir jetzt ja häufiger schon mal in Österreich, aber auch in Deutschland.
Heiko 0:15:53
Genau, ich musste tatsächlich, als ich das las, an diese Österreich-Banderole denken, die heute ja so ein bisschen das staatliche Qualitätssiegel ist. Da geht es zwar natürlich um die Qualität des Inhalts und nicht um die Bestätigung einfach nur der Menge, dass das irgendwie richtig ist, aber ich fand es trotzdem die Verwandtschaft schon irgendwie auffallend. Die Bukette, also diese kleinen Öffnungen, die hatten jedenfalls ganz bewusst genau diese Größe, durch die eben eine solche Fiaskoflasche hindurchpasste. Denn diese kleinen Öffnungen, die waren ursprünglich mal mit so einem hölzernen Fensterladen versehen, der sich dann von innen öffnen ließ und dahinter stand oder arbeitete eben der sogenannte Kellermeister dieses Hauses. Und das war so der Bedienstete, der für die Weinkeller des Herrenhauses zuständig war. Und dann zu einer festgelegten Uhrzeit kamen Leute vorbei, klopften, wie wir am Anfang ja gehört haben, so, komm doch an die Luke. An der Außenseite, da war so ein Türklopfer angebracht, das war so ein sogenannter Martello oder Picciotto. Martello ist im Prinzip so ein Hammer, so ein Hämmerchen. Und dann fragten sie nach der gewünschten Weinsorte, Rotwein, Weißwein. Und der Kellermeister füllte für gewöhnlich dann auch so eine mitgebrachte Flasche auf. Vielleicht hat er auch mal eine Flasche so verkauft, aber so Standard war wohl eher, dass er dann eine mitgebrachte Flasche auffüllte. Käufer bezahlten und fertig.
Marcel 0:17:04
So ein bisschen wie bei Brauereien auch, dass man so eine große Bierflasche mitbringt und die Lichter dann auffüllen lässt.
Heiko 0:17:12
Genau, ganz ähnlich. Generell ist das so, dass das wie so ein, also ich finde das Beispiel gut, weil das ist wie so ein frühes Beispiel für anonym, so Direktvertrieb eigentlich, vom Erzeuger direkt zum Verbraucher, nur eben vor 500 Jahren, denn das Entscheidende ist, hier verkauft nicht irgendein Händler, das ist nicht einfach irgendein Weinladen, Sondern die Kaufmannsfamilie, die adlige Familie selbst, die den Weinberg besitzt. Flaschenweise aus den eigenen Beständen. Das ist der eigentliche Clou. Wieso, weshalb, warum? Dazu später mehr.
Marcel 0:17:44
Und auch, erziehst du dann, warum das so anonym ist, wahrscheinlich auch mehr dazu?
Heiko 0:17:48
Ja, aber da ist es gar nicht, also das kann ich jetzt auch schon sagen, es ergibt sich so einfach so ein bisschen, dass das, also einmal aus der Architektur, aber auch so ein bisschen aus diesem Selbstverständnis von den Reichen, die bewusst so ein bisschen diese Diskretion halten wollen. Plus, da habe ich eine nette Anekdote irgendwie zu gelesen, der dann da hingeht und kauft, das eigentlich auch ganz gut wird, weil er sich so ein bisschen vorstellen kann, dass er vielleicht gerade mit dem Oberhaupt da selber in Kontakt ist, was wahrscheinlich ja nicht der Fall war, sondern es war schon auch ein Bediensteter. Aber man konnte sich das so ein bisschen vorstellen, also das ist so ein bisschen von beiden Seiten. Aber ja, wieso und weshalb Werder jetzt alles so verkaufte? Nach dem ersten Weinpaar, würde ich sagen.
Marcel 0:18:30
Okay, dann gehen wir mal direkt rein und gehen in das Thema Montalcino rein. und werden unter anderem über den Brunello als einen bekannten Vertreter sprechen. Generell vielleicht so als These dieses Weinpaars ist es prinzipiell so, wir haben ja eine Folge über den Burgund gemacht und da haben wir viel über Terroir und Klima gesprochen. Brunello ist eher weniger so ein Terroir-Wein, sondern ist eher so eine Idee von Zeit. Also da geht es eher darum, dass Zeit vergeht und nicht so das Einzelne im Vordergrund steht, zumindest im klassischen Sinne. Also während man im Grunde dann über die Klimas und Böden und Mikroklima redet, ist es so, dass man in Montagino eher die Frage stellt, ob der Wein nach fünf Jahren überhaupt schon Hallo sagen darf, weil der einfach eine Weile braucht.
Heiko 0:19:23
Also da geht es dann wirklich um Reife sozusagen. Ja, genau.
Marcel 0:19:26
Wir trinken jetzt zwei Weine im Vergleich. Gleich vorweg gesagt, einmal trinken wir ein Brunello und einmal nicht sozusagen. Wir starten nicht mit dem Brunello.
Heiko 0:19:34
Ich dachte, jetzt muss ich wieder raten, was ist der Brunello?
Marcel 0:19:37
Und ja, vielleicht ist es hier an der Stelle auch am Ende easy, was der Fensterwein sein könnte. Vielleicht mal vorweg gesagt, mein Verständnis von einem Fensterwein ist. Und ich weiß nicht, ob wir da später noch drauf reingehen, dass das eher tatsächlich der einfachere Alltagswein ist.
Heiko 0:19:54
Ja, da hast du recht. Das ist tatsächlich dann, also es ist wirklich, war so der Massenwein für den Konsum bestimmt.
Marcel 0:20:00
Okay.
Heiko 0:20:00
Und auch da so quasi, was dahinter steckt und wieso, dazu spielt dann ein bisschen mehr, aber ja, da haben wir ungefähr.
Marcel 0:20:07
Da bin ich ja beruhigt. Wir hatten vorab ganz kurz gesprochen und haben schon befürchtet, dass wir komplett aneinander vorbeiratet werden.
Heiko 0:20:15
Ja, nochmal zur Erinnerung, falls es, oder auch falls neue Hörer und Hörer dabei sind, ich weiß nicht, was wir vorher trinken und Marcel weiß bis auf ein grobes Thema, was ich ihm natürlich vorgeben muss, damit er den Wein aussuchen kann. Auch nicht, was ich ihm erzähle. Deswegen kann das auch mal passieren, dass wir vielleicht auch ein bisschen aneinander vorbeirecherchieren. Aber ja, es scheint in dem Fall wieder geklappt zu haben.
Marcel 0:20:34
Genau, Wein Nummer eins. Wir trinken Le Ranaille Troncone Rosso von 2023. Und der Troncone ist bewusst kein kleiner Brunello, sondern ein eigenständiger, früh zugänglicher Sangiovese-Wein. Vielleicht kannst du kurz das Cover oder das…
Heiko 0:20:54
Ich finde es richtig geil, das Cover. Ich weiß nicht ganz viel so, aber ich finde es einfach rosa. Das finde ich irgendwie cool. Das hat man selten einfach so ein knallrosa Weinetikett. Und dann ist da aber noch ein Siegel drauf. Da sind zwei Gestalten. Die eigentlich aussehen wie Hofnarren, aber wahrscheinlich sind das irgendwelche Winzer oder so in einem alten Gewand, die ein Netz in einem Aufspannen. Ich habe erst überlegt, ob sie Volleyball spielen wollen, das wahrscheinlich nicht. Ich frage mich, ob dieses Netz irgendwas mit Weinanbau zu tun haben kann. Wächst da eine Rehung?
Marcel 0:21:28
Nee, tatsächlich nicht. Also wir kommen da auch nochmal zu, zum Winzer selbst. Ich kann es an der Stelle vielleicht schon mal vorwegnehmen, weil du jetzt direkt darauf eingehst. Das Bild ist sozusagen, also es passt zu dem Namen Ranei. Und zwar sind das so traditionellen Netze zum Vogelfangen.
Heiko 0:21:47
Vogelfangen, ah.
Marcel 0:21:48
Und der Name heißt sowas wie Spinnennetz. Und das ist das Ranja. Und deswegen leitet sich der Name daraus ab.
Heiko 0:21:57
Also ein bisschen, ah, das ist so verwandt mit so Arachno und so, ne? Ranja, das ist doch auch die Spinne.
Marcel 0:22:02
Ich bin ja kein Sprachwissenschaftler.
Heiko 0:22:04
Ich bin ja kein Sprachwissenschaftler. Okay, das ist dann Internet.
Marcel 0:22:10
Ja.
Heiko 0:22:12
Cool. Nee, aber gefällt mir gut. Also ich finde jetzt so ein Vogelfangnetz nicht mehr so sympathisch, aber es sieht trotzdem schön aus.
Marcel 0:22:19
Alles Tradition. Wir haben auf jeden Fall so farblich, also wir sehen mal wieder etwas.
Heiko 0:22:25
Stimmt, wir haben Tageslicht. Man merkt, die Tage werden auch wieder länger.
Marcel 0:22:30
Also ich glaube, also jetzt, um das vielleicht vorwegzunehmen, ist es glaube ich der hellste, den wir heute trinken werden.
Heiko 0:22:35
Der ist relativ hellrot.
Marcel 0:22:39
Also transparent nicht. Aber im Vergleich nachher, was noch kommen wird, ist der auf jeden Fall sehr transparent. Jetzt mal dran riechen. Riecht der wie also sehr stabil sozusagen. Hat den ja vorher schon mal im Glas probiert.
Heiko 0:22:55
Er riecht ein bisschen ich kann es nicht identifizieren, aber er riecht ein bisschen anders als das, was man sonst so für gewöhnlich riecht, oder? Irgendwas ist da, was jetzt nicht so häufig in den letzten Folgen groß in der Nase gewesen ist. Echt?
Marcel 0:23:11
Okay, ich fand tatsächlich, dass dieses Bärige so. Also es hat mich eher noch Richtung Pinot Noir wieder so leichter ändert. Also für mich bist du eher so wie so ein bunter Bärenkorb, aber eher so Johannesbären.
Heiko 0:23:23
Ich will auch nicht sagen, dass er nicht nach Bärig, aber irgendwas ist doch anders. Vielleicht ist es, weil es nicht so holzig ist. Vielleicht ist es deswegen so ein bisschen anders. Wir hatten zuletzt sehr, sehr häufig sehr holzige.
Marcel 0:23:33
Ja, also jetzt ist es der Kontrast natürlich zu Kalifornien.
Heiko 0:23:35
Wahrscheinlich ist es das.
Marcel 0:23:37
Ich finde aber, ich weiß nicht, ob du das meins, es gibt aber so eine Süße da drin.
Heiko 0:23:41
Genau.
Marcel 0:23:41
Ja, also so eine reife, süße, also jetzt aber nicht so was Marmeladiges.
Heiko 0:23:46
Sondern einfach so Ich kann es auch nicht besser beschreiben, aber auf jeden Fall ist es eine Süße.
Marcel 0:23:52
Wird uns, glaube ich, auch noch ein bisschen begleiten. Ich bin mir jetzt gerade nicht sicher, weil ich natürlich wesentlich mehr noch mal in Vorbereitung bekommen habe. Aber genau diesen Charakter-Charakter-Rysterik hatte ich öfters gehabt. Dann lass uns mal. Prost.
Heiko 0:24:09
Oder Salute, oder? Ich glaube, wir haben damals in der spanischen Folge Salute gesagt, obwohl es falsch war. Wo es eher irgendwie Saludat oder so ist. Aber jetzt ist es auf jeden Fall Salute auf Italienisch.
Marcel 0:24:20
Glaube ich. Okay, perfekt. Easy going, ne?
Heiko 0:24:33
Also zum Einstieg. Es überrascht auch hier nicht, dass es der erste wahrscheinlich ist. Weil es ist ein leichter, runder Einstiegswein.
Marcel 0:24:41
Finde ich auch.
Heiko 0:24:42
Also er passt auch, also das klingt jetzt blöd, aber er passt irgendwie auch zu dem Etikett, dieses pinke Etikett. Ich weiß auch nicht warum. Vielleicht weil es auch ein bisschen sommerlicher aussieht auf dem Etikett. Vielleicht irgendwie, der klatscht einen jetzt auch nicht weg.
Marcel 0:24:54
Ne, ich weiß nicht, 12,5 Prozent. wir haben, ich meine, man hat schon eine klare Säure, aber die scheint dich jetzt auch nicht zu stören.
Heiko 0:25:03
Nö.
Marcel 0:25:05
Ich finde, es hat so eine Erdbeernote, also wirklich so eine leichte Erdbeernote. Der ist irgendwie ein bisschen würzig auch, aber jetzt auch nicht, der ist nicht komplex, ne? Der ist irgendwie super easy.
Heiko 0:25:15
Aber stimmt doch, wenn würzig ist, da würde ich auf jeden Fall auch sagen, stimmt.
Marcel 0:25:20
Und du hast auch ein bisschen Tannine, aber auch nicht dolle.
Heiko 0:25:23
Sondern so ein bisschen.
Marcel 0:25:25
So eher weichere.
Heiko 0:25:27
Ich bin mir nicht so sicher, ob das, das ist jetzt wieder so, vor allem nach dem ersten Wein und nach dem ersten zwei Schlücken, bin mir nicht sicher, ob das so ein Wein ist, wo ich sage, ja, davon bestelle ich mir eine Flasche in den Rest und trinke die ganze Flasche, oder ob ich sage, so ein, vielleicht noch ein zweites Glas, und dann will man vielleicht einfach auch einen Schritt weiter gehen. Aber das ist jetzt erstmal der erste Wein, ich habe jetzt mal drauf losgeredet.
Marcel 0:25:46
Ja. Ja, wir haben gesagt, ein bisschen Säure, ein ganz kleines bisschen Restsucker, ein Gramm. Und wie gesagt, der erste Wein, kannst du mal im Hinterkopf behalten, der jetzt 100% Sangiovese hat.
Heiko 0:26:03
Ah, da habe ich eine besonders schöne Erinnerung an Sangiovese.
Marcel 0:26:07
Ja?
Heiko 0:26:07
Nein, ich sage das nicht.
Marcel 0:26:08
Jetzt hast du dich auf einmal erinnert.
Heiko 0:26:10
Nein, nein, nein. Ironie.
Marcel 0:26:14
Ja, also es ist halt ein reinsortiger von dem Weingut, einer von den jüngsten Weinbergen. Insofern auch passt das ja zu dem Leichte. Wir haben nicht so viele Eingriffe im Keller. Wir haben das Ganze gegärt in Zementtanks, aber das Ding hat auch Holz gesehen. Es sind aber so eine großen slavonischen Eichenfässer.
Heiko 0:26:34
Slavonisch?
Marcel 0:26:35
Ja, slavonisch aus Kroatien. Öfters mal in Italien. Ich glaube in Folge 4 hatten wir öfters auch mal slavonische Eiche. Zumindestens, Dein Lieblingswein hatte diese eigentlich auch. Dementsprechend, wenn es wieder ein großes Fass ist, haben wir nicht einen Schlag vom Holz sozusagen, sondern eher für die Reife zuständig und nicht als Geschmacksgeber. Le Ranei, du siehst ja das Etikett auch. Vom Namen her ist es, glaube ich, die Aussprache natürlich wiederum nicht perfekt, aber ist gegründet worden von Riccardo und Jennifer Campinotti 2002. 2002, also auch wieder ein jüngeres Weingut, noch gar nicht so alt. Der Vater von Riccardo hatte einen Metallverarbeitungsbetrieb, daher kam die Kohle. Generell, wenn man sich die Bilder vom Weingut anschaut, sieht es sehr wunderschön aus, wie es in der Toskana halt so aussieht. Das Weingut ist von der Größe her wieder so in der Kategorie Standardweingut mit 23 Hektarn und überwiegend haben wir jetzt hier Sangiovese bepflanzt. Und wie so häufig in der Toskana oder auch gerne mal in Italien, gibt es da nochmal ein paar Olivenbäume dazu, die dann natürlich auch bewirtschaftet werden. Wir haben hier einen biologischen Weinbau und sind hier auf 600 Meter Höhe, was prinzipiell dann auch natürlich den Effekt hat, dass man, wenn man so hoch ist, immer kühlere Nächte hat. Also deswegen haben wir auch einen frischeren Wein im Glas generell. Generell und deswegen vielleicht auch die Assoziation ein bisschen Richtung dieses Leichtere, hat Riccardo so ein bisschen das burgundische Prinzip im Hintergrund. Ich habe ja natürlich eingeleitet, dass der Brunello zumindest eher so ein reifer Ding ist, aber wir haben ja bewusst hier kein Brunello im Glas, sondern es ist die Gegend, die bekannt ist für Brunello, aber wir haben jetzt hier genau das Gegenteil von so einem Power-Brunello im Glas. Das heißt, er ist da so ein bisschen beeinflusst aus dem Grund, wie so häufig natürlich. Und wenn wir uns jetzt mal mehr mit der Regionbeschäftung, Montalcino, ich weiß nicht, ob du das schon mal gehört hattest vorher als Begriff, also doch einmal mindestens, weil wir haben einmal kurz drüber geschrieben.
Heiko 0:28:47
Aber nee, vorher sonst nicht. Also Montepulciano, Montalcino, Montalcino.
Marcel 0:28:53
Ja, das ist eine relativ kleine Gemeinde in der Toskana mit 5600 Einwohnern, also wirklich super klein. Heißt übersetzt der Steineichenberg und ist so in der Südtoskana bei Siena, also eher im Süden.
Heiko 0:29:07
Schön.
Marcel 0:29:08
Da warst du auch schon mal, oder?
Heiko 0:29:11
Also wir waren in Florenz und eine Freundin, mit der wir da waren, als wir einen Tag in die Uffizien gegangen sind, hat sie den Tagestrip nach Siena gemacht und davon geschwärmt. Wir haben es dann aber nicht mehr geschafft, auch noch nach Siena. aber das steht noch auf der Tagesordnung sozusagen, oder auf der Bucketlist.
Marcel 0:29:24
Nicht auf der Tagesordnung.
Heiko 0:29:25
Nicht mehr heute, schön wäre es. Aber ich habe gehört, es soll sehr, sehr schön sein.
Marcel 0:29:29
War schon früh von den Etruskern besiedelt, ich glaube, da haben wir auch schon mal drüber gesprochen, in der ersten Folge.
Heiko 0:29:35
Witzig.
Marcel 0:29:36
Und der Ort war lange Spielball zwischen Florenz und Siena und die konnten sich damals, und da weiß ich nicht, ob wir noch drüber sprechen, den Angriff der Milici widersetzen und behaupten dagegen.
Heiko 0:29:47
Also wir streifen es kurz, aber ich gehe jetzt nicht so tief in alle, also in so militärische Auseinandersetzung gehe ich jetzt nicht im Detail ein.
Marcel 0:29:55
Wir sind in dem Ort, habe ich ja schon gesagt, wir sind so auf 600 Meter Höhe, dementsprechend haben wir es ein bisschen kühler und in kalten Jahren kann es hier auch mal ein bisschen austär werden. Auch diesen Begriff hatten wir, glaube ich, schon mal in der vierten Folge erwähnt, wenn es ein bisschen ruppiger, wenn die Tanninen ein bisschen ruppiger werden, wenn es ein bisschen grüber wird. Ansonsten haben wir ein super trockenes Gebiet in der Toskana. Also ist es trockener als der Rest hier. Und es ist nochmal zusätzlich, gibt es da so ein Monte Amiata, der schützt so ein bisschen vor Extremwetter. Insofern haben wir hier eigentlich, im Gegensatz vielleicht zu dem Wein, eher vollere, strukturiertere Weine normalerweise als im restlichen Toskana. Und generell ist der Brunello di Montecino einer der renommiertesten Rotweinen Italiens. Also der hat einfach so einen Ruhm. Hast du jetzt vielleicht noch nicht gehört? Du hast ihn auf jeden Fall schon mal getrunken. Kann man gleich so mal vertiefen.
Heiko 0:30:47
Oh Mann, du legst immer weiter den Finger in die Wunde.
Marcel 0:30:51
Ja, es ist wirklich ein bekannter Wein. Der wurde 1865 von Björn de Santi erfunden, was wiederum heute auch noch ein Name ist in der Region und quasi sehr etabliert. Und man ist damals dem Irrtum unterlegen, dass man so einen überliegenden Klon vom Sangiovese eigentlich in dem Gebiet hat, nämlich den Sangiovese Grosso oder den Brunello. Also man hatte damals gedacht, das wäre eine eigene Unterart im Sangiovese, der besser ist und deswegen der Grosso.
Heiko 0:31:20
Also mehr eine Überart.
Marcel 0:31:21
Eine Überart. Später stellt sich heraus, nee, ist eigentlich die gleiche Rebsorte. Vielleicht ist es eher so ein bisschen die Umgebung, die Lage, die das Ganze besonders macht.
Heiko 0:31:30
Das Terror, könnte man sagen.
Marcel 0:32:00
Der Wiese sozusagen Weingut hingestellt hat und dann mit, nachdem sie mit süßen Wein gescheitert waren, aus anderen Regionen sozusagen, haben sie auch süßen Wein angespeilt und die sind damit gescheitert, haben sie mit Brunello ihren großen Durchbruch gehabt und einfach da Massen von verkauft und das war so ein bisschen der Startpunkt, warum der Brunello dann auch so eine größere internationale Bekanntheit erreichte. Nur mal so zum Vergleich, in den frühen 60er Jahren hatten wir 60 Hektar von Brunello angebaut und hatten da elf Weingüter, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, es kamen noch ein paar dazu. Heute haben wir 2100 Hektar und 260 Weingüter, das heißt, da ist eine Menge passiert seitdem und das ist auch gut gewachsen. Und wenn es denn so schnell wächst und so ein Wein sehr bekannt ist, was passiert dann, Heiko? Ob du ja mal die gleiche Frage stellen, die du mir immer stellst.
Heiko 0:32:50
Wenn der Wein bekannt wird?
Marcel 0:32:51
Wenn es einfach Erfolg, wenn es erfolgreich ist.
Heiko 0:32:55
Wenn es Nachahmer geben, quasi die Trittbrettfahrer oder die Irgendwo, Oder Leute, die es kopieren wollen, diesen Erfolg.
Marcel 0:33:01
Kopieren oder man macht dann Sachen, die man vielleicht nicht so machen sollte. Ich glaube, da haben wir ja auch in Österreich.
Heiko 0:33:07
Ach so, in die Richtung gehst. Also, dass man dann einfach sagt, okay, die Nachfrage ist so hoch, dann bauen wir den überall an, also mehr an, auch selbst, wenn der Boden dafür vielleicht gar nicht geeignet ist und so.
Marcel 0:33:16
In dem Fall war der, also es gibt ein Brunello-Gate.
Heiko 0:33:21
Brunello-Gate, aua, jetzt wird es spannend.
Marcel 0:33:23
Und das ist noch gar nicht so alt. Das ist nämlich von 2007, 2008. Und es geht ein bisschen in eine andere Richtung. Es wird nicht so schlimm wie in Österreich, sondern eher…
Heiko 0:33:31
Ach, so schlimm? Also da wird wirklich gepanscht. Das wolltest du mal…
Marcel 0:33:35
Also ja, also eigentlich nicht… Also im Verhältnis zu Österreich würde ich sagen, es ist harmlos. Aber natürlich jetzt im Kontext von so hochpreisigen Weinen ist das natürlich trotzdem eine Sauerei, ja. Man wunderte sich damals, also sind so einigen aufgefallen, dass so diese rotbierigen Aromen, die wir jetzt ja schon auch so ein bisschen im Glas hatten jetzt zumindest ansatzweise, auch wenn der nicht so Brunello-typisch ist, dass die fehlten und dass die Weine zu marmeladig wurden. Also so super gefällig. Da hat dann 2007 Polizeiuntersuchungen eingeleitet und relativ prominent auf der VIN Italy 2008 sind die da eingeritten und haben mehrere Millionen Flaschen beschlagnahmt. Es wurde nämlich vermutet, dass andere Rebsorten verwendet worden sind, um den Wein ein bisschen gefälliger zu machen. Weil ein Brunello sollte 100% oder sollte einfach so einen größten Teil sein Gewäse haben.
Heiko 0:34:25
Also diese Regel gab es da auch schon anders als in Österreich, wo die Regeln erst aufgrund von den…
Marcel 0:34:31
Ja, die Regel gab es schon eigentlich seit den 80er. Genau, also es wurden da die anderen Rebsorten verwendet. Generell waren da auf jeden Fall mehrere involviert. Es gab jetzt nicht so eine super krassen Folge, also es ist nicht wie in Österreich, dass sich auch einmal komplett alles umgekippt hat. Also ist natürlich ein bisschen was passiert. Es wurden irgendwie 20 Brunello-Produzenten konkrete Betrugsverdacht sozusagen, also wurde nachgewiesen. Und einige Weingüter durften danach dann nicht mehr den Brunello verkaufen sozusagen. Und es gab sogar ein US-Embargo für mehrere Monate. Aber auch das ist jetzt für mehrere Monate, klingt jetzt nicht super lange, ne? Das Ganze wurde also bekannter noch gemacht durch James Buckling, den du sicherlich auch schon mal gehört hast.
Heiko 0:35:15
Das ist ja auch so wie Robert Parker und so, einer der großen Weinbewerter.
Marcel 0:35:20
Ja, der natürlich auch so gerne so eine schwerere Weine mag und der hat das Ganze dann nochmal so ein bisschen befeuert 2008, sodass es auch tatsächlich in der Weinwelt ankam, dass es auf jeden Fall da ein Problem gab. Generell hat es aber dazu geführt, dass in der Region so ein bisschen die Vielfalt größer wurde, dass man ein bisschen wegging von diesen, ja, dass man nur dunkle, hochkonzentrierte Weine gemacht haben. Dementsprechend haben wir hier auch mal ein Beispiel, dass es halt nicht nur so da ist. Genau, das war dann so ein bisschen die Schlussfolgerung. Generell ist es aber auch eine Region, die wirklich eher so Vintage-based ist. Also Leute kaufen einfach gute Jahrgänge für viel Geld. Also so in einem Brunello, da musst du schon ein bisschen was auch auf den Tisch legen. Also die kriegst du halt nicht für den Zehner, sagen wir mal so. Jetzt zum Kontext Fensterwein ist ein Brunello auf jeden Fall etwas, ja, ein bisschen teurer. Und es gibt halt so ein paar Jahrgänge, die haben da so ein Bewertungssystem auch, die dann besonders gut sind und dann vergeben sie selber Sterne. Also es gibt dann so fünf Sterne für Jahrgänge und die gibt es dann halt auch dann super selten. Und wenn du dann mal so fünf Sterne hast, dann kostet es natürlich viel Geld. Und tatsächlich ist auch das Gebiet Montalcino das erste Gebiet, das ein DOCG ist. Also wir hatten ja mal auch in Folge 4 über die Weinqualitäten gesprochen, das ist das höchste Label, das ist einfach die höchste Qualitätsstufe mit Labortest und da kommt eine Jury vorbei, die das testet und so weiter. Also es ist auf jeden Fall das höchste Qualitätsstufe, dementsprechend müssen die Weine dann auch was erfüllen und das war das erste Gebiet in Italien oder mit eines der ersten, die das bekommen haben. Dementsprechend halt einfach nur auch von der Prominenz her kennt man Brunello einfach schon in der internationalen Weinwelt. Was vielleicht noch da, was da so vorgegeben ist, wir hatten gesagt, okay, ja, wir haben Sangewese, es müsste auf jeden Fall drin sein und nicht anderer gepanschter Wein, damit er gefälliger wird. Und wir haben die vier Jahre Mindestreife, sprich, es muss mindestens 48 Monate reifen, bevor das verkauft werden darf. Und dementsprechend meine ich so, es ist dann Zeit.
Heiko 0:37:16
Das heißt, in diesem Jahr, Ja, oder sage ich mal 2025 im letzten Jahr. Der früheste Jahrgang, den man letztes Jahr hätte kaufen können, wäre 2021 gewesen.
Marcel 0:37:26
2020. Also vier Jahre muss ja komplett reifen. Also es ist zwei Jahre im Fass sozusagen vorgeschrieben und dann nochmal, der Rest kann in einer Flasche sein. Das heißt, ab dem fünften Jahr ist er dann trinkbar. Also weil du die vier Jahre voll machen musst.
Heiko 0:37:43
Achso, verstehe. Ah, okay. Nee, aber ist es dann, naja, ist ja auch egal.
Marcel 0:37:49
Ich wollte gerade sagen, du hast es sehr schön übergeleitet.
Heiko 0:37:51
Wir sind ja nicht bei Mathe im Glas.
Marcel 0:37:53
Wir trinken nämlich als nächstes, trinken wir nämlich ein Brunello. Und zwar von 2020, was dann jetzt wiederum dann gerade so, also ich sage mal, es ist ein junger Brunello, die Montalcino, und zwar von Il Pogione. Und ich drehe jetzt mal diese Flasche um und frage, kommt dir diese Flasche bekannt vor?
Heiko 0:38:13
Könnte das der Wein gewesen sein, den wir mal hatten, der war deutlich älter?
Marcel 0:38:20
Ja.
Heiko 0:38:20
Also als wir, wir hatten glaube ich in der letzten oder vorletzten, vor allem einmal darüber gesprochen, dass wir kürzlich so einen aus den 80ern glaube ich, 82 oder so aufgemacht haben. Ach das ist, war ein, ach Gott, das wusste ich nicht mehr.
Marcel 0:38:31
Das war genau exakt diese, also ist genau diese Flasche auch. Ach das ist ja spannend.
Heiko 0:38:36
Nur halt jetzt ein anderer Jahrgang logischerweise.
Marcel 0:38:38
Ja, 40 Jahre später.
Heiko 0:38:40
Krass. Ja, das war schon ein besonderer Moment zugegeben, aber ich wusste nicht mehr, dass das ein Sanyo wäre oder ein Brunello. Das hatte ich nicht mehr so auf dem Schirm. Ich muss auch gestehen, es war aber auch ein Abendbruch. Es war nicht die einzige Flasche, die wir getrunken.
Marcel 0:38:51
Das stimmt. Und es war auch nicht die erste.
Heiko 0:38:53
Und es war auch nicht die erste.
Marcel 0:38:55
Genau, ich dachte, das müssen wir einfach nochmal drücken, weil es ja natürlich eine Connection hat zu der jüngeren Vergangenheit. Das ist ja spannend.
Heiko 0:39:02
Dass du das gefunden hast.
Marcel 0:39:04
Ja. Der ist natürlich jetzt auch schon ein bisschen im Glas. und der braucht ein bisschen Zeit auf jeden Fall auch. Ich meine so farbtechnisch, das meine ich jetzt, da haben wir einen super krassen Dunkeln. Das ist schon fast schon schwarz. Also wenn man so ging, man sieht noch so rote Reflexe, aber der ist schon sehr, sehr dunkelrot. Ja, es geht.
Heiko 0:39:28
Riecht auch nicht so süß mehr. Deutlich anders. Riecht schwerer, in Anführungszeichen.
Marcel 0:39:37
Das Witzige ist tatsächlich, dass der, wenn er ein bisschen steht, aber das sollte ja auch so sein, der hatte am Anfang eigentlich eher so einen typischen Kellergeruch, hat der jetzt nicht weniger. Na doch, es ist doch noch, der Keller ist schon noch drin. So ein bisschen dieses, ein bisschen murchiger. So ganz im Hintergrund.
Heiko 0:39:55
Auch so ein bisschen bärig ist schon auch, oder?
Marcel 0:39:56
Ja. Ja, also Beispieliges haben wir auf jeden Fall auch drin. Ich habe aber auch Gewürze. Also ich meine, das ist ein bisschen rauchig, finde ich. Ja. Und ich finde halt so ein bisschen Gewürze, sowas wie Nelke, hat man irgendwie auch in Ansätzen drin. Oder so die, also ich hatte so eine Assoziation von Reste vom Mörser, wenn wir jetzt so kochen und dann so mehrere Gewürze haben, dass das ein bisschen was so drin bleibt. Aber dann noch ein paar Tage später sozusagen noch so intensiv.
Heiko 0:40:26
Jetzt wird es spezifisch.
Marcel 0:40:27
Ja, aber es sind ja manchmal so Assoziationen.
Heiko 0:40:29
Nee, total. Also ich sage total nicht im Sinne von ja, ich rieche es auch, sondern total im Sinne von wo es herkommt.
Marcel 0:40:36
Verstehe ich. Ja.
Heiko 0:40:39
Trinken?
Marcel 0:40:40
Ja. Hm.
Heiko 0:40:52
Kann man schon auch trinken.
Marcel 0:40:54
Ich finde, ich finde das, wir haben ja jetzt den Kontext, also ich weiß nicht, wie weit du dich jetzt dran nennen kannst an dem Ersten, aber der ist eine ganz andere Nummer, weil der sehr jung ist. Der ist schon noch verschlossen, ne? Also im Sinne von, deswegen auch, der braucht ja ein bisschen auf jeden Fall im Glas. Man hat auch so eine, man hat, ich finde sowas Beisamisches, also sowas hat man sofort irgendwie, finde ich, spürt man. Aber der ist jetzt nicht so, so super geöffnet und man hat gleich so was alles so los schießt gar nicht aber er schmeckt.
Heiko 0:41:29
Aber ich finde, man hat das Gefühl, dass der auch nochmal besser oder anders schmeckt, wenn er vielleicht auch nochmal eine Weile im Glas steht oder in der Flasche offen ist oder wie auch immer. Es gibt so Weine, da merkt man einfach so, die können schon noch, die brauchen noch mehr, oder nicht, die brauchen noch, er schmeckt auch so, aber da merkt man einfach, da passiert wahrscheinlich noch was.
Marcel 0:41:48
Also und da passiert auch noch was über die Zeit jetzt. Also wenn der jetzt noch ein bisschen liegen bleibt, haben wir ja, wir haben den anderen ja, und der hatte ja auch, ich finde, der hat was ähnliches damals.
Heiko 0:41:57
Ich habe mich nicht getraut zu sagen, weil wir den damals ja als ein bisschen oxidiert empfunden haben. Und weil natürlich durchs Alter und so weiter. Aber ich finde schon, der schmeckt nicht oxidiert, aber ich finde schon, man merkt schon, dass dieser Wein, also nicht man merkt schon, dass der Wein ist, aber man schmeckt es schon raus. Auch wenn der jetzt natürlich nicht so stark oxidiert ist nach 40 Jahren.
Marcel 0:42:18
Ja. Und jetzt gleich nochmal im Kontrast zu dem ersten. Der war ja so, für mich war das ein bisschen die leichte Erdbeere. und jetzt haben wir hier so super dunkle, konzentrierte Beeren.
Heiko 0:42:30
Genau, das, was ich finde, ich hatte das schon im Geruch ein bisschen eher, dieses Dunkelbeeris, aber beim Geschmack auf jeden Fall, also das ist wirklich, also das ist ein ganz anderer Wein. Das ist ein ganz anderes Profil, das ist jetzt nicht der, wie gesagt, ich fand ja schon den ersten, meinte ich ja so, irgendwie kann ich mir gut im Sommer oder Toskana, so ein Gläser schön in der Sonne oder so, der ist schon, den trinkst du schon ein bisschen bewusster.
Marcel 0:42:51
Ja, und auch im Winter. Genau, der hat auch so herbe Tannine, dass das ganz geil ist. Der andere war ja doch ein bisschen auch von den Tanninen irgendwie so ein bisschen leichter. Und vielleicht nur an der Stelle zu sagen, dass es beides auf der gleichen Höhe auch. Es ist quasi eigentlich geografisch super nah, aber komplett unterschiedlicher Wein.
Heiko 0:43:12
Hat auch zwei Prozent mehr Alkohol sich gerade.
Marcel 0:43:16
Ja, und wir haben ähnliche, wir haben tatsächlich eine ähnliche Säure hier, obwohl man hier, finde ich, bei dem gar nicht so stark die Säure irgendwie schmeckt.
Heiko 0:43:25
Also ich finde, man schmeckt sie schon, aber die anderen, dadurch, dass der so insgesamt komplexer wirkt als der Erste, ist die nicht so augenfällig, wenn man eher auf die anderen Sachen achtet, die man so rausschmeckt.
Marcel 0:43:38
Probier bei den Ersten dagegen nochmal. Egal.
Heiko 0:43:43
Ja. Entschuldige. Gleich direkt ein bisschen verschluckt. Ja, also da merkt man erst recht mit dem Kontrast. Auch diese Eureaufsetzung prickelt richtig.
Marcel 0:43:55
Also wir haben auf jeden Fall 25 Jahre alte Reben mindestens sozusagen bei diesem Wein. So als Vorgabe, was Eporgione macht. Wir haben jetzt tatsächlich mal wieder Handlese. Der Wein wird in Stallfässern vergegärt und wir haben wilde Hefen, was jetzt auch nicht unbedingt immer so typisch ist, glaube ich, in Italien. Wir hatten das ja in der vierten, also in der zweiten Goethe-Folge genau gerade nicht gehabt. Hier in dem Fall ist es so. Der hat drei Jahre Holz gesehen. Auch das, glaube ich, schmeckt man. Wir haben hier französische Eiche, die dann ein bisschen dominanter ist als jetzt die slavonische. Und der ist dann nochmal ein Jahr in der Flasche gereift. Wir haben natürlich jetzt hier einen anderen Preis. Also wir sind bei 45 Euro. Der erste war jetzt eher bei 13,50 Euro, wenn ich mich nicht täusche.
Heiko 0:44:40
Ich weiß jetzt im Nachhinein, einfach zu sagen, so mit Rückgriff auf das Judgment of Heiko in der letzten Folge. Ich behaupte, auch wenn es jetzt natürlich nicht, ich behaupte, in dem Fall hätte ich es wahrscheinlich richtig getippt.
Marcel 0:44:51
Mit der Erfahrung geht es ganz natürlich nicht.
Heiko 0:44:54
Ich finde, man merkt einfach, hier merkt man, finde ich, einen deutlichen Unterschied. Klar kann man es jetzt im Nachhinein immer noch sagen und hättest du mir das vielleicht nicht gesagt, aber eigentlich finde ich schon… In dem Fall sehr, sehr deutlich. Also nicht, weil anders als jetzt bei der anderen, wir waren ja auch gerade, also das, unser Urteil in der letzten Folge war ja auch gerade, um zu sagen, es muss nicht immer der Teure sein, dass der automatisch besser ist. Und mir geht es auch gar nicht darum, ihn jetzt besser oder schlechter zu bewerten. Aber ich finde, man merkt einfach am Geschmack, dass der irgendwie, nicht weil er zwingend besser ist, am Ende ist es subjektiv, aber trotzdem irgendwie das, was da drin ist, irgendwie nach mehr Geld schmeckt, so blöds klingt.
Marcel 0:45:28
Okay. Ja, kurz noch ein paar Worte zur Tenuta Il Purgione. also dem Weingut, bedeutet übersetzt der große Hügel und wurde gegründet.
Heiko 0:45:39
Ich merke schon, die haben auf jeden Fall Hügel da, viele. Alles heißt da irgendwie Hügel.
Marcel 0:45:45
Gegründet Ende des 19. Jahrhunderts durch Lavinio Franceschi, war ein Grundbesitzer in Florenz oder aus Florenz, was ja ein bisschen passt zu dem, was du auch uns erzählt hast. natürlich da, wo die, also ich nehme mal an, dass die, die in Florenz die Weine verkauft haben, natürlich nicht direkt in Florenz unbedingt die Weine hatten, sondern dann auch rundum in der Toskana und so. Da werden wir wahrscheinlich ja noch hinkommen. Dementsprechend hier auch. Wir haben heute die fünfte Generation dabei, das ist dann heute Leopoldo und Livia und das ist ein größerer Betrieb. Also wie gesagt, Montecino ist natürlich auch, da kann man natürlich Massen absetzen. Also von diesem Wein, den wir jetzt Glas haben, gibt es irgendwie 200.000 Flaschen und generell ist der Betrieb auch 140 Hektar groß. dementsprechend schon relativ groß. Natürlich noch nicht kalifornische Verhältnisse. Aber ja. Und ja, durch die Höhenlage ist das Ganze so ein bisschen konzentrierter. Pogione gehört zu den Big Three, die den Brunello etabliert haben. Also die waren schon relativ früh dabei und sind tatsächlich auch Gründungsmitglied von dem Konsortio del Brunello di Montecino. Also die haben das einfach mit definiert und die sind halt einfach stehen für diesen klassischen, kräftigen, langlebigen Bonello. Langlebig konnten wir jetzt ja an der Stelle schon erfahren. Es war ja auch der bessere Wein gegenüber dem Bordeaux. Der hat sich wirklich richtig gut gehalten. Die machen auch eine einfachere Form, den sogenannten Rosso di Montalcino, habe ich jetzt nicht erwähnt. Das ist prinzipiell auch nochmal eine Art, die dann einfach…
Heiko 0:47:15
Der Fensterwein davon sozusagen.
Marcel 0:47:16
Das ist prinzipiell eher der Fensterwein. Auch bei denen ist der dann wiederum nicht der, also kann jetzt nicht preislich mithalten mit dem ersten. und machen zum größten Teil dann wirklich Sanguese und machen so ein bisschen Cabernet Sauvignon, Melot auch noch und haben noch ein paar weiße Rebsorten, aber halt der Schwerpunkt sind auf jeden Fall die schweren Brunellos. Genau. Damit wären wir.
Heiko 0:47:40
Mit dem ersten Part zu Ende. Schön.
Marcel 0:47:43
Also das Fazit, was jetzt der Fensterwein ist.
Heiko 0:47:47
Ja, schon der erste. Wie gesagt, nicht heißt das, dass er ein schlechtes. Also wie gesagt, so als so ein Gläschen im Sommer irgendwo. Also wie gesagt, jetzt war jetzt gar nicht disputierlich, wenn wir das so nennen. Ich hoffe, das kommt gut rüber.
Marcel 0:48:00
Ja, aber es ist ja auch das Thema heute. Fensterweine.
Heiko 0:48:03
Ja, bevor wir in das Glas oder in diese beiden Gläser geschaut haben, da waren wir eben bei diesen kleinen, unscheinbaren Öffnungen in den Florentina Palazzi, also diesen Bukette del Vino. Wir haben gesehen, sie waren etwa genauso groß wie eine Fiaskoflasche und dienten dem direkten Weinverkauf aus dem Haus heraus. Ganz diskret vom Kellermeister und zwar direkt von der Familie dieses Hauses an die Straße. Um zu verstehen, warum diese Bukette überhaupt Sinn ergeben, sozusagen muss man sich klar machen, welche Rolle Wein im Alltag, vor allem eben in Florenz oder in der Toskana gespielt hat. Wein war hier im Prinzip ein Grundnahrungsmittel und es spielte im Alltag und der Wirtschaft eine zentrale Rolle. Im 15. und 16. Jahrhundert gehörte Wein so ganz selbstverständlich zur täglichen Ernährung. Es wurde zu den Mahlzeiten getrunken, aber auch morgens und während der Arbeit. Es gibt so zeitgenössische Haushaltsrechnungen, die zeigen sogar eine klare funktionale Trennung. Rotwein hat man zur Hauptmahlzeit getrunken, Weißwein eher am Vormittag oder während der körperlichen Arbeit. Es gibt jetzt natürlich keine harten Zahlen aus der Zeit, aber Schätzungen gehen von einem sehr, sehr hohen Weinkonsum in Florenz im 16. Jahrhundert aus. Ich weiß nicht, ob du recherchierst, hast du auch ganz gerne mal, ob du da Zahlen hast. Wenn nicht, magst du vielleicht mal schätzen?
Marcel 0:49:21
Ich weiß es heute, weil das können wir gleich wieder in den Kontrast setzen und irgendein Brot, um das ein bisschen zu neutralisieren.
Heiko 0:49:27
Also möchtest du nicht schätzen, was es damals war?
Marcel 0:49:31
120 Liter pro Jahr.
Heiko 0:49:33
Das ist ziemlich knapp daneben, um nicht zu sagen, also es gibt, wie gesagt, keine harten Zahlen, aber es gibt so Schätzzahlen, die sprechen so von durchschnittlich ein bis zwei Litern pro Tag, was natürlich pro Jahr mindestens rund 365 Liter Wein pro Kopf im Durchschnitt bedeutete.
Marcel 0:49:51
Ich habe glaube ich nicht nach der Zeit gefragt.
Heiko 0:49:53
Aber wir sind so im 16. Jahrhundert jetzt.
Marcel 0:49:56
Ja okay, das ist ja vor Goethe, das heißt, Goethe war ja drei, vier Liter und alle anderen waren so bei…
Heiko 0:50:01
Und Goethe war sowieso ja auch noch mal so viel, aber so oder so. Man muss natürlich sagen, dass auch in der Zeit das sehr, sehr häufig mit Wasser noch verdünnt wurde und wir hatten ja selbst in der Goethe-Folge das vor allem in Italien auch, das immer noch so ein bisschen üblich war. Das gehört vielleicht so ein bisschen dazu und natürlich jetzt auch wie gesagt zu groben Schätzungen sind. Außerdem muss man auch sagen, Wein galt, Im Mittelalter, also auch vor dem 16. Jahrhundert, aber auch dann in der frühen Neuzeit, in der wir uns jetzt bewegen, auch nicht nur als, oder vielleicht mal zur Einordnung, wir bewegen uns heute, also vorwiegend nachher dann in der Renaissance, aber eigentlich so ein bisschen Mittelalter und Renaissance, so genau der Übergang, also Hoch-Spät-Mittelalter und Renaissance. Und da gilt Altmacht das Getränk, gilt Wein nicht nur als Getränk, sondern eben auch wirklich als Stärkungsmittel. Auch das hatten wir ja schon häufiger, auch zum Beispiel bei der Goethe-Folge gab, selbst Kranke tranken Wein. Man gab kranken Leuten Wein in Maßen, weil man ihnen so medizinische und therapeutische Eigenschaften zuschrieb. Das hatten wir ja auch, wie gesagt, immer wieder schon mal. Also Rekonvaleszenten erhielten Wein, Mütter von…
Marcel 0:50:59
Was sind Rekonvaleszenten?
Heiko 0:51:01
Rekonvaleszenten, das sind Kranke, die gerade quasi in der Genesung sind. Das ist der medizinische Begriff.
Marcel 0:51:08
Ah ja, du. Ich bin alles klar Doktor.
Heiko 0:51:11
Ich bin der Doktor, genau. So, ich mache nach der Folge auch noch eine Gehirnoperation an dir. Genau, also diese Re-Konvaleszenten hielten Wein. Mütter von Neugeborenen bekamen Wein. Einfach jeder, der irgendwie ein Stärkungsmittel brauchte, um wieder zu Kräften zu bekommen, den bodegrahten Wein zu trinken. Diese Vorstellung hat sich lange gehalten. Es gibt heute noch in Italien so ein bisschen ein Sprichwort, was du sagst. Ja, Wein verbessert das Blut. Das hat sich da irgendwie gehalten.
Marcel 0:51:38
Wie viel Wein wird denn heute getrunken in Italien?
Heiko 0:51:40
Das habe ich nicht rausgesucht. Ich bin ja nur für die Geschichte zuständig, sozusagen.
Marcel 0:51:45
Die jüngere Geschichte interessiert nicht, oder wie?
Heiko 0:51:48
Nein, nein, nein. So war das nicht gemeint. Also ich würde sagen, wir hatten ja in Deutschland, meine ich, so gesagt, das waren so 26 Liter. Und in Italien trinkt man bestimmt mehr Wein. Also würde ich fast, ich würde fast behaupten, es doppelt. Also ich würde sagen, 50 Liter.
Marcel 0:52:05
Normalerweise würde ich immer sagen, dass ich eigentlich ganz gut schätzen kann. Aber du übertriffst die Schätzung immer ganz gut. Oder es sind so 42 bis 46 Liter, je nach Quelle. Genau, und ich hatte mich auch durch Statistiken tatsächlich gewühlt, das gar nicht so unbedingt heute mitgebracht, weil ich irgendwie einfach in diesem, da einfach ein bisschen drin versunken bin. Weil interessanterweise tatsächlich auch unter jungen Leuten mehr Wein, also es war so eine Statistik über die Weinpenetration in verschiedenen Alterskohorten. Und da war das tatsächlich so, dass es in den letzten Jahren gestiegen ist, also dass man auch in den jüngeren Generationen mehr trinkt. Da war so ein bisschen die These, dass man natürlich auch am Anfang natürlich nicht so viel, das kommt mit dem Alter, dass man dann im späteren Alter natürlich mehr Wein trinkt. Aber generell steigt diese Zahl. Aber was zurückgeht, ist natürlich der tägliche Konsum. Also man trinkt dann halt ab und zu mal.
Heiko 0:52:56
Und dafür mehr.
Marcel 0:52:57
Nee, nicht mehr, sondern tatsächlich, nee, es ging eher darum, dass die, weil sonst wird ja immer gesagt, dass eigentlich die jüngeren Generationen gar keinen Wein mehr trinken oder dass das irgendwie super zurückgeht, auch mit Alkohol und alles. Es ist schon so, dass einfach mehr Wein, also mehr Wein trinken, aber dafür weniger.
Heiko 0:53:14
Achso, also rein mehr Leute, aber die pro Kopf ist weniger sozusagen.
Marcel 0:53:18
Ja, also früher war es halt sehr viel häufiger, dass du quasi täglich getrunken hast und jetzt geht es eher dahin, dass du sagst, also es trinken mehr, aber weniger.
Heiko 0:53:26
Freitag und Samstag oder so halt mal. Außerdem trinkt man dann halt auch vielleicht mal einen Abholspritze.
Marcel 0:53:32
Das auch.
Heiko 0:53:34
Ja, genau. Also wie gesagt, das war einfach allgegenwärtig. Auch hatte der Wein eine religiöse Bedeutung. Er war ja ganz wörtlich mehr oder weniger das Getränk der Erlösung. Es war Teil von Zeremonien, religiöse Riten, das Blut Jesu. Man kennt es. Und da wundert es dann eben auch nicht, dass er auch so eine ganz entscheidende wirtschaftliche Dimension erhält. Die Weinsteuer war über Jahrhunderte hinweg eine der wichtigsten Einnahmenquellen der Stadt Florenz. Alles, was an Wein in die Stadt kam, wurde besteuert und unter anderem diese Abgabe bildete somit das Rückgrat der städtischen Finanzen. Die Weinsteuer war so wichtig, dass man im 16. Jahrhundert sogar eine eigene Silbermünze einführte, um die Abwicklung zu beschleunigen und Abrechnungsfehler zu vermeiden. Und diese Münze, die hieß Barile. Kannst du dir irgendwie auch ohne italienische Kenntnisse denken, was das heißt, so mit deinen Kenntnissen über Wein, so Barique und so?
Marcel 0:54:24
Achso, ich wollte gerade sagen Barilla. Achso, irgendwas mit Holz.
Heiko 0:54:32
Fass, es heißt wirklich buchstäblich Fass. Barilla heißt Fass. Und ihr Wert entsprach genau der Steuer, die auf so ein einzelnes Fass Wein erhoben wurde. Ich stand übrigens tatsächlich kurz davor, dass diese Folge vielleicht so der Beginn meiner Münzsammlung werden würde. Denn so viel sei verraten, es ist nicht die letzte Münze, über die wir heute sprechen. Und ich dachte irgendwie, es wäre eigentlich ganz cool, wenn ich dir so eine Originalmünze einfach mitbringen könnte. Dass du das einfach mal so in den Händen halten kannst. Und man kann die durchaus bei speziellen Aktionshäusern kaufen. Aber als ich dann gesehen habe, die Preise beginnen so bei 200-300 Euro, schätzwert. Was jetzt für Münzen, wahrscheinlich sogar, war halt einigermaßen verbreitet. Du kannst deutlich mehr für so eine Münze ausgeben, aber das war es mir dann irgendwie doch nicht wert.
Marcel 0:55:17
Steigt die denn noch im Wert?
Heiko 0:55:20
Also ja, es ist halt ein klassischer Sammlung. Achso, ob das jetzt noch steigt.
Marcel 0:55:24
Naja, wenn du jetzt quasi kaufst und dann nochmal 20, 30 Jahre. Das kann ich dir nicht sagen.
Heiko 0:55:27
Weil ich, wie gesagt, ich habe noch keine Münzsammlung. Vielleicht. Aber deswegen habe ich die Münze stattdessen nur als das nächste Bild in unserer Galerie mitgebracht. Ich lasse dich das jetzt auch nicht beschreiben, keine Sorge, weil man kann jetzt nicht so viel erkennen, ehrlicherweise. Das ist jetzt auch nicht die beste Qualität und wahrscheinlich müsstest du auch mehr oder weniger raten, was da zu sehen ist und das ist dann auch so ein bisschen Quatsch. Deswegen erzähl dich es einfach, während du und während ihr euch das parallel anschaut. Auf der einen Seite der Münze, da sieht man eben das Wappen von Florenz, das ist die Lilie. Kann man noch ganz gut erkennen. Und auf der anderen Seite…
Marcel 0:55:58
Das ist vielleicht eine Blume.
Heiko 0:55:59
Die Lilie ist eine Blume genau das ist das Wappen, das ist dieses was so ein bisschen auf der linken die linke Seite, Und drumherum, das kann man jetzt auch nicht erkennen, steht halt Valentina. Und auf der anderen Seite, das ist nicht, wie ich ehrlicherweise, als ich es gesehen habe, erst gehofft habe, ist das nicht Bacchus. Es wäre natürlich wirklich passend gewesen. Auf dem ersten Moment sieht das ein bisschen so aus wie die Bacchus-Wilder. Aber es ist Johannes der Täufer, der Schutzpatron der Stadt, der gerade Jesus tauft. Also es könnte wahrscheinlich nicht weiter von Bacchus entfernt sein. Ja, der Wert dieser Münze entsprach also der Steuer auf einen Weinfass. Wenn ein Händler ein Fass Wein durch die Stadttore brachte, dann zahlte er eben nicht irgendwelche komplizierten Berechnungen, sondern, um es mit Friedrich Merz zu sagen, es passte quasi die Steuer buchstäblich auf so einen Bierdeckel. Weil eben eine Münze gleich ein Fass gleich Steuer beglichen sozusagen. Und es zeigt eben ziemlich deutlich.
Marcel 0:56:57
Ja, ich wollte gerade, also Fass, wie groß war das Fass und wie viel Wert ist das?
Heiko 0:57:03
Das kann ich dir ehrlicherweise nicht sagen. Wie viele Liter meinst du da drin waren?
Marcel 0:57:07
Ja, eigentlich sind ja in der Ecke eher, also heutzutage eher so größere Fässer quasi üblich. Also jetzt nicht diese kleinen Barricks oder so, wie es in Burgund oder in Bordeaux, beziehungsweise hießen die ja in Burgund anders, aber das sind ja dann keine 250 Liter, sondern vielleicht eher die wirklich 1000 oder so.
Heiko 0:57:26
Das weiß ich ehrlicherweise nicht.
Marcel 0:57:29
Okay.
Heiko 0:57:30
Aber es ist halt, also es war ja schon so, dass quasi anders als heute, wo jetzt die Herstellung oder der Edelmetallwert in einem Euromünze nicht das ist, was da in Euro wert ist, ist das damals, da war es halt schon quasi, dass der Silberwert, dass das an Silber ist, ist quasi Äquivalent. Also das ist schon immer eins zu eins. Deswegen war es immer so wichtig, dass es auch wirklich immer die Münzpräge klar ist. Da gab es ganz viel Betrug natürlich auch bei Münzen und so weiter. Also es musste dann das richtige Gewicht sein, damit wirklich eine Münze so viel wert ist, wie sie auch wert zu sein hat.
Marcel 0:58:00
Und die Steuer wurde, beim Fassverkauf, also nicht beim einzelnen Fiasco-Verkauf erhoben.
Heiko 0:58:07
Genau, darum geht es. Darum wird es später noch gehen. Hier erstmal beim Fass. Und zwar in dem Moment, wo das Fass in die Stadt gebracht wird. Am Stadt wird quasi gezählt und dann musst du das bezahlen an Steuern bei der Einfuhr in die Stadt. Aber was du wissen willst, da kommen wir später drauf zu, denn das ist eigentlich der ganze… Also es ist eigentlich cool, dass du das sagst, weil es ist wie so ein Teaser, weil das ist der ganze Clou an der ganzen Sache, warum man es nachher in Flaschen verkauft. Aber wir sehen eben, so Wein war quasi systemrelevant, wie man heute vielleicht sagen würde. So sehr, dass man eben sogar eine eigene Währungseinheit widmet. Natürlich war der Handel streng reguliert. In Florenz gab es seit 1288 schon eine eigene Zunft für Winzer und Händler und Verkäufer. Das ist die Arte dei Vinatieri. Sie standen Gastwirten offen, Tavernbesitzern, aber irgendwie im Prinzip allen, die so den größten Teil des Jahres oder eine Saison lang Wein verkauften. und die Satzung dieser Zunft, die kontrollierte im Prinzip alle Aspekte des Handels. Die Öffnungszeiten von Tavernen wurden kontrolliert, die Preise für Fässer, Krüge und Becher, tatsächlich auch der Mindest, das fand ich gar nicht ganz witzig, der Mindestabstand, den eine Taverne zu Kirchen und Klöster einhalten musste, wurde reguliert. Ach, das gab Sammets schon.
Marcel 0:59:17
Das ist nicht so wie mit den Kitas und dem Joint heutzutage.
Heiko 0:59:20
Nee, nee, genau, schon damals musste ein bestimmter Mindestabstand, ich kann Ihnen jetzt nicht die Zahlen nennen ehrlicherweise, aber es musste ein bestimmter Mindestabstand zwischen Kirche, Klöster und und Taverne gelten. Und besonders interessant finde ich eine Regelung, die mir auch irgendwie ein bisschen modern vorkommt, fast schon. Der Verkauf von salzigen Speisen an Orten, an denen Wein glasweise ausgeschenkt wurde, war verboten. Warum natürlich?
Marcel 0:59:43
Hä? Ich hätte jetzt gedacht, dass man das gerade deswegen macht.
Heiko 0:59:46
Genau, weil salzige Speisen den Durst anregen. Und das wurde als Betrug gesehen. Also das, was man ja heute eigentlich wirklich macht, wo ja ein Kneipbesitzer Salzstangen hinschneiden, damit du getrugst, genau. Ja, das ist ein guter Standard.
Marcel 0:59:56
Ne?
Heiko 0:59:56
Genau, und das war damals von dieser Zunft verboten, um zu verhindern, dass eben Gastwirten durch salzige Snacks irgendwie die Kunden dazu bringen, mehr zu trinken.
Marcel 1:00:03
Ja gut, man kann jetzt sagen, bei drei Stunden Wein…
Heiko 1:00:05
Ist vielleicht doch gut. Ich weiß nicht, ob das am Ende wirklich der Grund war, aber ja, es war vielleicht auch gut so, das stimmt. Ja, außerdem wurden Weinhändlern und allen anderen, die in den Innenstadtbezirken sozusagen, also in dem Stadtkern und von Florenz Wein verboten, in ihrem Haus oder Keller Speisen anzubieten, was wiederum so ein bisschen als unlauterer Wettbewerb für Gastwirt und Tavernen wiederum galt, die dann eben Wein ausschenken. Also man trennte Handel und Gastronomie sozusagen. grundsätzlich wurde in Florenz auch, und jetzt kommt es, was wir schon ein bisschen hatten mit Fensterwein, grundsätzlich wurde maßgeblich der regionale Wein aus der Toskana getrunken. Importiert wurde vor allem dann so besonderer oder höher geschätzter Wein. Also zu diesem Zeitpunkt war quasi der toskanische Wein eher so ein bisschen, gar nicht so der krass elegante Qualitätswein, wir hatten es ja schon. Magst du mal raten, woher insbesondere so, sag ich mal, das, was man damals so als den besonderen Wein empfunden hat, den man importiert hat. Kleiner Tipp, wir bleiben jetzt in Italien, also es ist nicht Bordeaux oder so. Dann später auch natürlich, aber in dem Fall, wo hat die Toskana ihren Wein aus Italien her?
Marcel 1:01:10
Der bessere Wein. Boah, da, ich weiß, eigentlich sind ja die Gebiete tatsächlich, die historisch sind ja schon die, die so Rang und Namen haben, aber es ist, ich meine, wir hatten ja jetzt, historisch hatten wir es ja eh aus der Gegend um Neapel rum mit den Fallern.
Heiko 1:01:27
Das klingt gut, das klingt gut.
Marcel 1:01:29
Kampagnen tatsächlich. Echt?
Heiko 1:01:31
Also was du sagst, ist spannend, weil darauf kommen wir auch noch, weil das dann wirklich am Ende historisch diese Toskana als diese Qualitätsweine kommen dann später, da kommen wir später drauf, jetzt hier gerade so im 14.
Marcel 1:01:42
15.
Heiko 1:01:43
Jahrhundert.
Marcel 1:01:43
Ich wollte gerade vor allem Langina sagen, kommst du aus Kampagnen, aber Verlerner.
Heiko 1:01:46
Also vor allem eben Kampagnen, weil welche jetzt genau, kann ich dir jetzt nicht sagen.
Marcel 1:01:50
Da Klimakristi natürlich und Ajanikon natürlich. Wahrscheinlich, wahrscheinlich.
Heiko 1:01:53
Ich fand es irgendwie interessant, nämlich wie du sagst, mit Hinblick auf unsere Goethe-Folge, wo wir eben sehr, sehr leckeren und eben auch sehr besonderen kampanischen Wein. Bin ich nicht drauf gestoßen.
Marcel 1:02:00
Überhaupt gar nicht drauf gestoßen, weil für mich war irgendwie jetzt so, das sind ja dann schon die bekannteren…
Heiko 1:02:04
Genau, also wie gesagt, es hat sich jetzt ja auch dann mittlerweile geändert, aber offensichtlich in der Anfangsphase Toskana, Alltagswein, wenn es besonders sein soll, hat man es aus Kampanien hergeholt.
Marcel 1:02:12
Interessant.
Heiko 1:02:14
Spätestens nach dem Schwarzen Tod war auch diese Region war Toskana irgendwie grundsätzlich in der Lage, den eigenen Bedarf auch einfach zu bedenken, zu decken für diesen Alltagswein. Der Schwarze Tod, der Begriff, der sagt dir was?
Marcel 1:02:24
Die Pest, ne?
Heiko 1:02:25
Genau, die Pest, und zwar eine bestimmte Pest und zwar die Pest im 14. Jahrhundert, die in Europa je nach Schätzung zwischen ein und zwei Drittel der gesamten Bevölkerung tatsächlich hingerafft hat. Also wirklich sehr, sehr, sehr, sehr hart. Aber das ist der schwarze Tod, aber es gab immer wieder auch in der Geschichte weitere Pest unten. Genau.
Marcel 1:02:43
Also in den letzten Jahren gab es da auch nochmal Stimmt.
Heiko 1:02:46
Irgendwo gab es das genau. Also es gab immer wieder, aber gerade auch in der Zeit gab es immer wieder Pestausbrüche. Wie gesagt, nicht mehr in diesem ganz krassen Ausmaß wie wirklich der schwarze Tod im 14. Jahrhundert. Aber während Und eines dieser weiteren Ausbrüche im 17. Jahrhundert haben wir dann wirklich auch erstmals berichtet, dass da unsere Weinfenster, um die es ja heute geht, einen ganz praktischen Effekt hatten. Denn der florentinische Gelehrte Francesco Rondinelli, der schreibt, dass diejenigen, die Wein aus diesen Weinfenstern verkauften, um die Ansteckungsgefahr noch weiter zu minieren, so einen Auslauf an der Luke anbrachten, an dem ein Trichter dann zum Ausgießen des Weins befestigt war, sodass der Wein quasi direkt ausgegossen werden konnte in die mitgebrachte Flasche, ohne dass man die Flasche irgendwie anfassen musste. Und als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme sammelten die Verkäufer auch das Geld mit so einer Kupferschale ein und warfen es dann in Essig, um es zu desinfizieren.
Marcel 1:03:34
Krass, das ist aber, das klingt ja irgendwie dann einigermaßen fortschrittlich für die Zeit, oder?
Heiko 1:03:39
Das fand ich, genau diesen Eindruck hatte ich auch. Natürlich hatten die nicht das Verständnis von Bakterien, Viren, und zwar das kannte man nicht, aber offensichtlich rein durch Beobachtung hatte man schon ein Gefühl dafür, dieses irgendwie Kontakt und Anfassen und irgendwie, man muss damit irgendwas machen, das muss man irgendwie reduzieren. Das hatte man ja offensichtlich durch reine Beobachtung schon, zumindest nicht, man hat jetzt nicht immer die richtigen Schlüsse gezogen natürlich, also gerade medizinisch in der Zeit, aber so fand ich tatsächlich genau das, was du sagst, auch interessant. Aber ja, Pandemie, Kontakt minimieren, da klingelt auch bei dir vielleicht aus der jüngeren Zeit.
Marcel 1:04:11
Also ich habe eher gerade überlegt, ob es auch Weinfenster gab in Covid-Zeiten.
Heiko 1:04:17
Exakt, exakt. Tatsächlich gerieten die Weinfenster im Laufe des 20. Jahrhunderts erstmal in Vergessenheit, dazu später mehr, warum, deswegen sind die jetzt hauptsächlich so zugemauert, aber während der Corona-Pandemie wurden sie quasi wiederentdeckt. Und tatsächlich wurde daraus dann so während des Lockdowns und während des Kontaktverbots dann einfach Wein verkauft oder dann auch so Pizza oder Eis und so. Man hat die wirklich da, wo sie noch da waren, da ein bisschen wieder aufgegriffen. Ich hätte ehrlicherweise gedacht, dass du während, wenn du so ein bisschen recherchierst, vielleicht auch darauf stößt, weil wenn man das heute ein bisschen googelt nach Weinfenster, also die meisten, es gibt ganz viele Newsberichte, die darüber berichten, über das, dass das in Corona irgendwie so war. Deswegen gibt es auch ganz viele, habe ich auch gelesen, habe mich ein bisschen fast schon geärgert, weil es dann so ein bisschen zeigt, wie die Laissez-faire sozusagen die Recherche auch von Journalisten manchmal sein kann, weil die dann schreiben, ja, diese Weinfester wurden extra für die Pest gemacht und sowas, halt nicht stimmt. Sie waren praktisch in der Zeit durch die Pest, aber es ist nicht so einfach.
Marcel 1:05:06
Es war einfach schon die Architektur vorher da.
Heiko 1:05:08
Genau, das erzähle ich nämlich gleich, aber es ist jetzt nicht so, dass sie explizit deswegen hergestellt wurden und so alles. Aber ja, das fand ich ganz witzig, dass das dadurch wirklich jetzt erst wieder so richtig entdeckt wurde, diese Weinfester durch Covid. Aber ja, zurück in die Geschichte. Durch eben diese Weinfenster verkaufte eben, wir hatten es am Anfang nicht irgendwer sein Wein. Es waren auch nicht normale Weinhändler, es war eine ganz bestimmte Gruppe. Denn diese Weinfenster, die befanden sich in dem Palazzi der reichen Kaufmannsfamilien von Florenz. Es waren die reichsten Familien der Stadt, die ihren Wein aus kleinen Löchern in der Wand verkauften, statt das irgendwie nur professionellen Händlern zu überlassen. Und um das besser zu verstehen… Müssen wir einen Schritt zurücktreten und uns irgendwie ansehen, wie Florenz überhaupt zu dem wurde, was es war und welche Rolle die mächtigste Familie der Stadt dabei eigentlich spielte. Die berühmten Medici. Genau, genau. Ich würde einmal ganz kurz auf Florenz eingehen, dann können wir noch was trinken und dann so ein bisschen Medici-Hintergrund geben. Erstmal eine wichtige Einordnung. Es gab kein Italien, wie wir es heute kennen. Italien war kein zusammenhängender Staat in Zeiten der Renaissance und vorher, sondern so ein Flickenteppich aus Stadtstaaten, Herzogtümern, Königreichen. Jeder hatte seine eigene Regierung, eigene Interessen, eigene Armeen.
Marcel 1:06:19
So ein bisschen wie in Deutschland.
Heiko 1:06:20
Exakt, genau, genau. So Kleinstaaterei sozusagen, genau. Und die Städte, die haben sich auch gegenseitig regelmäßig bekriegt. Das ist das, was du kurz vorhin auch schon mal angesprochen hast, auch mit Siena und so weiter. Ich habe auch eine Karte von Italien im 15. Jahrhundert mitgebracht. Das ist das nächste Bild in unserer Galerie. Da sieht man eben so, wie zerstückelt in Anführungszeichen Italien noch ist. Wir müssen da jetzt nicht im Einzelnen drauf eingehen, das führt jetzt ein bisschen weit weg vom Thema, aber man sieht eben, neben diesem nach wie vor in dieser Zeit recht großen Gebiet des Kirchenstaats, dessen Nachfolger heute, die Vatikanstadt ja nur noch so 40 Hektar oder so innerhalb Rums ist, aber neben diesem Kirchenstaat gibt es vor allem so Stadtstaaten mit so umliegenden Ländereien. Also wir sehen, ich weiß nicht, ob das sie ist, zum Beispiel Mailand, das war ein Herzogtum, Neapel, das ist ein Königreich, Venedig ist eine Republik.
Marcel 1:07:08
Das ist auch relativ groß in Japan.
Heiko 1:07:10
Genau, genau, genau. Und Florenz ist immer…
Marcel 1:07:13
Das war jetzt auch 16. Jahrhundert.
Heiko 1:07:14
15. Jahrhundert hier, genau, genau.
Marcel 1:07:16
Okay, genau. Und Luca kennt man ja auch relativ klein. Florenz und Zier. Eigentlich sieht die Karte sehr übersichtlich aus. Aber wir gucken auf eine andere Karte, die sehr viel übersichtlich aussieht.
Heiko 1:07:27
Und ein bisschen weniger viel Starterei als das, was für den deutschen Flickenteppich…
Marcel 1:07:32
Aber San Marino war damals auch schon eine eigene Republik. Stimmt. Also sieht man zumindest da abgegrenzt, sieht das so aus.
Heiko 1:07:40
Genau und Florenz, weil du gerade Republik sagst, war eben auch eine Republik, also eine Demokratie, zumindest theoretisch. Florenz war recht stolz auf sein politisches System, es war kompliziert, aber auf dem Papier zumindest in ihren Augen ziemlich demokratisch. Die Stadt wurde regiert von der sogenannten Signoria. Das war so ein Rad aus neun Männern, die alle zwei Monate per Losverfahren aus Lederbeuteln gezogen wurden, den sogenannten Borse. Also das ist wirklich so, dieses Losverfahren ist quasi wie in Athen, das ist quasi die Erfinder der Demokratie. Also das war für die wirklich sehr, sehr demokratisch. Es wurden acht sogenannte Priori und dann der sogenannte Gonfalonieri gezogen. Das ist wörtlich heißer als Bannerträger. Das ist so ein bisschen so eine Art Regierungsoberhaupt oder eben Vorsitz der Regierung.
Marcel 1:08:23
Also wäre Zufall.
Heiko 1:08:24
Genau, es kam da rein und dann wurde gezogen. Jeder Bürger konnte bei dieser Erziehung zuschauen und in diesen Beutel durften dabei Männer aus allen Zünften der Stadt ihren Namen hinzufügen. Außer Männer, von denen bekannt war, dass sie Schulden hatten, die sollten das nicht machen. oder solche, die kürzlich ein Amt ausgeübt haben, weil man wollte jetzt auch nicht, dass sich da irgendwie diese, Legislaturperioden aneinander rein oder auch nicht welche, die mit Männern verwandt waren, die schon gezogen wurden, damit man auch dann nicht so diese Verwandtschaft, wetternwirtschaftmäßig das so machen kann auf dem Papier.
Marcel 1:08:55
Klingt irgendwie ein bisschen merkwürdig. Also es klingt irgendwie anfällig für, dass man auf jeden Fall toll, also das was irgendwie…
Heiko 1:09:05
Ja, pass auf. Erstmal, du greifst ein bisschen vor sozusagen. Erstmal ganz kurz. Sechs dieser Priorit kamen aus den großen Zünften, zwei aus den kleinen Zünften.
Marcel 1:09:14
Zünfte sind ja die Handwerker.
Heiko 1:09:16
Eigentlich die klassischen Mitarbeiter. Genau, genau, genau. Die ganz, ganz viel auch gerade in Florenz auch Einfluss hatten. Und auch der Gonfalonieri durfte noch aus so einer großen Zünfte kommen. Insgesamt gab es 21 von diesen Zünften, sieben große und 14 kleine. Die großen Zünfte, das waren Juristen, Wollhändler, Seidenhändler, Bankiers, Ärzte, Apotheker, Tuchhändler und Pelzhändler. Und zu den kleinen gehörten eben auch die Weinhändler, die wir schon hatten, diese Arte della Vinatieri. Und da fängt das Ganze schon an. Drei Viertel der ganzen Stadtvölkerung gehörten gar nicht zu einer Zunft und waren damit per se schon mal gar nicht auslosbar oder wählbar. So die einfachen Arbeiter, die Weber, die Spinner, Färber, Tagelüner.
Marcel 1:09:57
Die waren keine Zünfte.
Heiko 1:09:57
Genau, die durften sich nicht in Zünfte spielen.
Marcel 1:09:59
Also die sind aber so klassisch, gibt es die im Mittelalter auch als Zünfte, oder? Also so in den Städten und so weiter.
Heiko 1:10:04
Ja, teilweise, aber es ist eher so die, die wirklich die eigentliche Arbeit machen, die sind in Florenz, haben da nicht wirklich eine Mitsprache.
Marcel 1:10:12
Spezifisch für Florenz war das so.
Heiko 1:10:14
Oder halt generell, es gibt so einige Sachen, das ist jetzt nicht nur Florenz, ich glaube in Venedig ist das zum Beispiel nicht.
Marcel 1:10:17
Aber ja.
Heiko 1:10:18
Und selbst bei dem Losverfahren der wählbaren Namen ging es auch nicht so demokratisch zu. Du hast es schon eben ein bisschen vermutet, denn in der Praxis Kontrollierten und mit Kontrollieren meine ich Manipulierten, die reichsten Familien der Stadt eigentlich, wer da überhaupt in den Beutel kam und möglichst auch, wer denn von denen auch gezogen wurde. Und das waren dann in der Regel eben Mitglieder aus diesen reichsten Familien, Zumindest Männer, die in ihrem Sinne Politik machen. Man kann es sich vorstellen.
Marcel 1:10:43
Eigentlich hat sich gar nichts verändert.
Heiko 1:10:45
Die Jure war Florenz eine Republik, de facto eine Oligarchie. Eine Herrschaft der Reichen. Und zwar im Prinzip von den Reichen für die Reichen. Oder eben, man kann auch sagen, wie die USA unter Trump. Oder um es vielleicht mit einem florentinischen Zeitgenossen zu sagen, nämlich Matteo Palmieri, der sagte, Zitat, solange die untersten Schichten der Gesellschaft genug verdienen, um sich täglich zu ernähren, haben sie genug und sollten nicht erwarten, mehr zu bekommen. Oder auch der Seidenhändler Gregorio Dati, der drückte das ein bisschen anders aus, er sagte, ein Florentiner, der kein Kaufmann ist, der nicht durch die Welt gereist ist, fremde Länder und Völker gesehen hat und dann mit etwas Reichtum nach Florenz zurückgekehrt ist, der ist ein Mann, der keinerlei Ansehen genießt. Also kurzum, Reichtum bedeutet auf jeden Fall alles und wer nicht reich war, hat einfach auch nichts zu melden, Punkt. Aber ja, wie wurde Florenz überhaupt so reich, beziehungsweise wie wurden ein paar florentinische Familien so reich, weißt du da so ein bisschen was drüber?
Marcel 1:11:41
Nee, ich habe keine Ahnung.
Heiko 1:11:42
Okay, also dann ein ganz kurzer Abriss. Im 13. Jahrhundert stieg Florenz zunächst mal, ich glaube sogar, dass gleich was klingelt, wenn wir da hinkommen. Im 13. Jahrhundert stieg Florenz aber erstmal so zu so einer Wirtschaftsmacht auf. Also die Stadt lag zwar nicht am Meer, aber sie hatte den Arno, also einen Fluss, der dann so Transportwege, Energie und Wasser für die ganze Industrie bot. Und vor allem für die Wollverarbeitung. Das war so am Anfang der Kern des Erfolgs. Aus England, aus Holland, also aus den Niederlanden, aber auch direkt aus der Toskana kam Wolle nach. Florenz wurde dort dann veredelt, gefärbt und dann weiter exportiert. Einfach ein riesiges Geschäft.
Marcel 1:12:13
Also Stoffe, oder?
Heiko 1:12:13
Genau, genau. Das waren so italienische Städte insgesamt, aber besonders Florenz bauten auf diese Weise dann einfach so ein weit verzweigtes Handelsnetzwerk auf, das dann einfach von Nordeuropa über Italien und dann begünstigt durch die Kreuzzüge tatsächlich bis in die Levante, also bis ins Heilige Land, die heutiges Israel-Syrien und so weiter führte. Aber ein solches Fernhandelsnetz brachte natürlich dann auch Herausforderungen mit sich, gerade in der Zeit. Man musste Bargeld transportieren, das ist gefährlich. Es existieren verschiedene Währungen und so weiter und so fort. Und deswegen entwickelten dann florentinische Händler so Instrumente oder Werkzeuge, um solche Probleme zu lösen. Nämlich so Wechselbriefe, Kreditvergaben. Und das klingt vielleicht schon ganz verwandt, weil so sieht zwar nicht automatisch, aber auf naheliegende Weise ein zentraler Pfeiler denn des Reichtums entwickelt das Bankwesen. weil im Prinzip entsteht das dadurch so ein bisschen, und heute wird es, wie gesagt, wirklich etwas numismatisch also ein bisschen münzkundlerisch ich hatte es schon angekündigt, wir hatten die Barilmünze gesehen und jetzt sprechen wir ganz ganz kurz über den Goldflorin das ist quasi das Symbol für diesen Ausstieg, auch davon habe ich ein Bild mitgebracht das ihr euch anschauen könnt auch das lasse ich dir jetzt nicht extra irgendwie beschreiben, das ist dieser berühmte Fiorino Doro Goldflorin, erstmals 1252 in Florenz geprägt ja, Und er sieht erstmal gar nicht so anders aus als die Barile, nur eben in Gold.
Marcel 1:13:31
Also dass hier die Lille drauf so liegen. Genau, exakt.
Heiko 1:13:33
Und auch auf der anderen Seite ist wieder Johannes der Täufer als Stadtpatron. Diesmal aber ohne Jesus irgendwie. Also es ist leider auch immer noch nicht Barossa. Und diese Münze, die entwickelt sich ziemlich schnell zur wichtigsten Handelsmünze in Europa. Und wird oft auch als Dollar des Mittelalters tatsächlich bezeichnet. Weil dank seines wirklich konstanten Goldgehalts, und das ist das, was ich meinte, das ist halt dadurch, also es muss halt wirklich der Wert sein, der es hat und dann ist natürlich das betrugsanfällig und wenn du das schaffst, den so konstant zu halten, ist das natürlich zuverlässig und deswegen entwickelt sich das so zu diesem Dollar des Mittelalters und das ist so ein bisschen irgendwie eine zentrale Stütze auch für die wirtschaftliche Stärke Florenz, die dann eben durch den Fernhandel von Nordeuropa bis in den gesamten Mittelmeerraum reicht und eben so als Standardwährung fast schon überall akzeptiert wird. Und das erleichtert natürlich dann internationale Geschäfte und trägt einfach entscheidend dazu bei, Handel und dann vor allem Bankwesen in Florenz weiter zu fördern. Und wie gesagt, es gibt natürlich vor allem eine Familie, deren Namen untrennbar mit Florenz und diesem Erfolg in Verbindung gebracht wird. Du hattest es auch schon gesagt, die Medici. Doch ich würde sagen, bevor wir den Aufstieg der Medici in so einem ganz kurzen Abriss uns mal genauer anschauen, investieren wir unseren Goldflorin erstmal in das nächste Weinpaar.
Marcel 1:14:51
Ja, zur Medici habe ich auch noch nicht, glaube ich, so viel gehört. Also ich meine, irgendwann war es mal natürlich Thema, aber ich habe, glaube ich, alles wieder vergessen.
Heiko 1:14:58
Ja, aber dann umso spannender für dich gleich, Dennis. Sehr gut.
Marcel 1:15:03
Ja, das nächste Weinpaar, das wir trinken, auch da klingelt ist im Sinne von, das hat man auf jeden Fall schon mal gehört.
Heiko 1:15:09
Achso, ich dachte, da klingeln die Münzen im Beutel.
Marcel 1:15:13
Geht, geht. Trinken wir ein Chianti Classico.
Heiko 1:15:17
Chianti.
Marcel 1:15:18
Ja.
Heiko 1:15:19
Und dann fragst du mich jetzt wieder, womit ich das assoziiere, weil dieses Mal könnte ich dir das sagen, aber es passt.
Marcel 1:15:23
Ja, sag doch, hau doch raus, ja.
Heiko 1:15:26
Ne, was sagst du immer, ob ich mich damit schon mal auseinandergesetzt habe? Ne, ich muss gestehen mit… Mit Chianti assoziiere ich immer Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer. Weil da gibt es, ich glaube, es ist ein super berühmtes Zitat. Ich glaube, es ist sogar richtig Chianti berühmt geworden durch Das Schweigen der Lämmer, weil ich kriege es nicht wörtlich zusammen. Weil da sagt er sowas wie, er ist ja ein Kannibale. Und er sagt dann an einer Stelle irgendwie, ich habe seine Leber genossen und dazu ein elegantes Glas Chianti oder so. Und ich glaube, dadurch ist Chianti nochmal richtig bekannt geworden in den 90ern.
Marcel 1:15:52
Würde ich jetzt bezweifeln. Aber das heißt, du redest halt gar nicht so viel über Chianti. Dann passt es ja, dass ich gleich nochmal drüber reden werde. Und generell vielleicht mal als These in den Raum geworfen, ist Janti vielleicht spannender als Brunello heute, weil es vielleicht da so einen Konflikt gibt, der schwelt und das Ganze auch nochmal so… irgendwie auf eine Art und Weise spannend macht. Generell kann man sagen, Chianti ist ein Wein, der schon immer sehr beliebt war. Deswegen würde ich genau dem widersprechen, was du gerade gesagt hast. Ich habe auch nicht gesagt.
Heiko 1:16:23
Dass er vorher nicht beliebt war. Ich glaube, dadurch ist es nochmal so ein berühmtes Filmzitat. Sagen wir so.
Marcel 1:16:29
Ich bin dein Vater. Ich würde aber sagen, es gab schon früher Grund dafür. Nämlich schon sehr früh haben die tatsächlich Probleme gehabt mit Raubkopien. Also früher, ganz früher schon bis heute. tatsächlich, ist einfach Chianti so ein Wein, der ist es einfach auch in der, wie du sagst, der ist es in der Popkultur verankert, wie griechischer Wein. Es gibt diverse Schlager, unter anderem von Karel Gott, die Chianti besungen haben.
Heiko 1:16:58
Heute bin ich froh, dass wir wie in der letzten Folge aus Urheberrechtsgründen keine Musik spielen können.
Marcel 1:17:02
Ich war mit einem Song. Nee, aber es gibt tatsächlich wirklich auf der Suche nach diversen Quellen und im Podcast bin ich aber auch auf Schlager gestoßen, die sich nicht lohnen, glaube ich, anzuhören. Wir trinken zwei Weine wieder aus gleicher Höhe und den gleichen Ort. Also auch da, jetzt haben wir jetzt mal wieder so einen Kontrast, der so sehr geografisch nahe liegt. Und generell vielleicht Chianti, wie gesagt, ist ja ein sehr bekannter Wein. Wir haben heute Chianti im Glas, der auch durch kühle Nächte also von einer gewissen Höhe geprägt ist. Vielleicht macht das einen guten Chianti aus, dass man nicht nur heiße Tage hat, sondern auch kühle Nächte. Und der erste, den wir trinken, ist Istine Chianti Classico 2022. Vielleicht auch ein fenstertauglicher Wein. Ja, und der ist bereits im Glas eingegossen und konnte schon etwas Luft genießen, sodass wir ihn direkt mal riechen können. Und der tatsächlich ist gar nicht mehr so intensiv in der Nase jetzt.
Heiko 1:18:00
Nee, also ein bisschen muffig noch.
Marcel 1:18:03
Ja.
Heiko 1:18:05
Aber nicht im Negativen.
Marcel 1:18:08
Ja, das ist ja schon, der hat auf jeden Fall abgebaut. Also ich meine, ein bisschen was Beeriges hat man auf jeden Fall, ein bisschen was Süßes noch.
Heiko 1:18:15
Aber Süße rieche ich gar nicht mehr. Also vielleicht auch, weil ich jetzt sowas erwarte wie beim ersten Glas, wo es ja wirklich süß ist.
Marcel 1:18:23
Ich meine, der war auch nicht, der war ja auch ähnliche Zeit im Glas, also dadurch ist der gar nicht mehr so intensiv. Ja, ist tatsächlich ein Schwierer. Ja, das ist ja auch.
Heiko 1:18:40
Was verziehst du.
Marcel 1:18:41
Da? Nee, ich finde ihn gut. Ich finde ihn gut. Ich habe dann gleich wieder so ein so, das ist tatsächlich beim Durchprobieren öfters mal so ein, wenn es dann öfter so ein Ja.
Heiko 1:18:54
Eine ganz leichte Säure noch.
Marcel 1:18:58
Also aber die ist so deutlich.
Heiko 1:18:59
Genau, sie ist nicht, sie ist deutlich, aber nicht unangenehm.
Marcel 1:19:03
Nee, die ist ganz gut eingebunden. Das ist eher so ein kühler Wein auch. Also ist das nicht so ein schwerer, heißer, dichter Wein, sondern irgendwie so ein schlanker, kühler Wein.
Heiko 1:19:15
Was meinst du mit kühl und heiß?
Marcel 1:19:18
Also ich würde zum Beispiel hitzig, wenn der jetzt viel Alkohol hat oder wenn der auch so sehr, ich weiß nicht, kann ich, wenn das so ein warmer oder so ein, nein nicht warmer, sondern ein hitziger Wein ist, wenn der einfach ein bisschen dieses Schwere hat.
Heiko 1:19:30
Okay, das nennst du heiß, okay.
Marcel 1:19:33
Schlanker, kühlerer Wein auf jeden Fall, der ist leicht. Ne?
Heiko 1:19:39
Achso, vom 2, 3, 2, da kommt schon ein bisschen mehr Säure nochmal, aber trotzdem nicht schlimm.
Marcel 1:19:46
Der ist eher so die Sauerkirsche, würde ich sagen.
Heiko 1:19:50
Ja, das passt gut, das stimmt. Das stimmt, aber wie gesagt, im ersten Moment fand ich es ja noch eher eine Leih, aber jetzt so der 2, wird schon ein bisschen deutlicher, die Säure, finde ich, aber trotzdem Und Tannine?
Marcel 1:20:07
Sind da?
Heiko 1:20:08
Achso, sagst du mir.
Marcel 1:20:09
Oder? Ich frage dich, wie du die wahrnimmst. Ich kann ja ansonsten noch mal, im Vergleich nachgehen.
Heiko 1:20:16
Das ist jetzt nicht mega pelzig auf der Zunge. Nö, aber so hinten ist so ein bisschen was. Das prickelt so ein bisschen hinten, wenn man den ein bisschen im Mund behält. Aber ich hätte jetzt nicht, das wäre jetzt nicht das Erste, was mir aufgefallen ist.
Marcel 1:20:30
Nee, aber die sind da auf jeden Fall auch da. Also ich finde die so ein bisschen staubig, die sind so ein bisschen trocken. Ja, wir haben 13% Alkohol. Wir haben auf jeden Fall mehr Säure als bei den ersten Weinen. Also ein Gramm mehr sogar. Also das ist nicht wahnsinnig viel mehr, aber auf jeden Fall deutlich. Wir sind hier bei 17,90 Euro. Also noch fenstertauglich würde ich jetzt mal sagen. So ein weites Stück.
Heiko 1:20:51
Ja, vielleicht in einem edleren Viertel.
Marcel 1:20:55
Ja, und wir haben wieder 100% Sangio Wiese im Glas. Der Wein ist auf jeden Fall im Beton gegärt. Und war ein Jahr auch wieder in diesmal österreichischen Holzfässern, die eher bekannt sind für so neutralere, also man merkt auch hier wieder nicht sehr viel Holzeinschlag, sondern es ist doch eher ein bisschen neutraler. Ist Tine, wenn Heiko nicht ein Brot essen würde, würde ich ihn fragen, was er auf dem Cover sieht. Aber ich kann ja ein bisschen was erzählen zur Winzerin. Und zwar ist es diesmal tatsächlich eine Winzerin, nämlich die Angela Fronti aus Rada in Chianti. Rada ist im Prinzip eine Stadt, die 30 Kilometer südlich von Florenz liegt. Wir sind hier von der Größe her wieder so bei 25 Hektar. Also quasi wieder unser Standard-Weingut. Nicht wahnsinnig groß. Wolltest du noch was sagen?
Heiko 1:21:59
Nee, ich habe mein Gesicht für mich jetzt ärgerlicherweise das ausgetrunken, aber ich wollte ja eigentlich wahrscheinlich den nochmal gegen den anderen nachher testen. Aber dann müsstest du mir nochmal nachgießen.
Marcel 1:22:06
Ja, ich kann dir noch was eingießen. Wir haben ja Weinberge wieder auf einer gewissen Höhe, also wieder 500 Meter hoch. Sprich, wir haben etwas mehr Frische, wir haben etwas mehr Säure, aber auch Tannine, die man merkt. Also nicht so deutlich natürlich wie beim Brunello, weil es einfach, der war halt schon sehr heavy natürlich im Vergleich, aber auf jeden Fall auch spürbare Tannine. Radar, die Umgebung ist eigentlich eher sehr dicht bewaldet. Wir haben nur 5% Weinberge da, aber wir werden heute nicht den einzigen Wein nur aus Radar trinken, sondern mehrere. Dementsprechend haben wir natürlich da auch einige bekannte Winzerinnen und Winzer dort, die da tätig sind. Die Familie Fronti ist seit den 60er Jahren generell im Weinbau tätig. Also Weinbau im weitesten Sinne. Also sie haben da einfach landwirtschaftlichen Betrieb und haben aber auch erst 1982 mit einem Traumanbau angefangen. Sprich, lange irgendwie Wein involviert, dann später erst Traum angebaut. Und 2009 gab es erst den ersten Wein, den sie produziert haben selber, die Angela. Angela klingt sehr deutsch, das heißt glaube ich Angela. Da wurden die ersten 3000 Flaschen abgefüllt. Die Angela ist die treibende Kraft und sie ist Önologin. Sie hat das Ganze auch studiert und zwar heimlich. Hat es nicht ihren Eltern erzählt.
Heiko 1:23:27
Die wollten, dass sie was Vernünftiges lernen.
Marcel 1:23:30
Und sie gilt heute als Rising Star im Chianti-Klassico und wurde sogar vom Gambero Rosso, was einfach so ein Weinverzeichnis ist, wurde sie als Winzerin des Jahres ausgezeichnet. Generell sagt sie, Sangewes ist in ihrem Blut und sie kann nicht anders, als ihn zu verehren. Was ja dann auch schon immer ein deutliches Statement ist. Also wie gesagt, Sangewes zieht sich heute durch. Und dann die Winzerinnen und die Winzer haben auch Bock drauf, tatsächlich sich darauf zu fokussieren. Sie hat auch meistens wirklich Chianti Classico von unterschiedlichen Lagen und dazu noch ein Rosé und ein Weißwein, aber meistens wirklich diesen klassischen Chianti. Und über Chianti wollte ich auch sprechen. Du wirst, glaube ich, heute nicht drauf eingehen, wenn ich es richtig sage.
Heiko 1:24:17
Nur ganz kurz in einem bestimmten Zusammenhang, aber nicht näher jetzt über Chianti was erzählen.
Marcel 1:24:23
Ja, da könntest du jetzt, glaube ich, parallel mal die Karte aufmachen. Chianti liegt nämlich zwischen Florenz und Siena. Und das ist bekannt für so spritzige, trockene Rotweine.
Heiko 1:24:32
Ja, und das ist auch das nächste Bild in unserer Galerie dann auf Instagram oder in den Shownotes.
Marcel 1:24:38
Ja, generell vielleicht mal so zur Größe, zur Einordnung. Also auf der Karte ist natürlich die Fläche an sich jetzt größer, aber wir haben jetzt ungefähr 22.000 Hektar Anbaufläche, was ungefähr so groß ist wie Stuttgart, kann man sich vorstellen. So von der Fläche her, wo dann Wein angebaut wird. Und deswegen meinte ich vorhin, die Karte, die du gezeigt hast, sieht sehr übersichtlich aus. Die sieht etwas bunt aus und genau, deswegen will ich es gerade mal so ein bisschen umreißen. Und zwar Chianti ist die schwarz umrissene Linie sozusagen, die außen um diese ganzen bunten Sachen rumgeht. Und man sieht, wenn man jetzt die einzelnen Farben innerhalb dieser schwarzen umrissen Linie zählen würde, hat man ungefähr acht Subregionen, die Chianti quasi auszeichnet. Das rote ist das heutige Chianti-Klassico und das blaue, was du siehst, ist das historische Gebiet Chiantis. Und zwar gab es dieses historische Gebiet und das wurde 1932 einmal stark erweitert auf das heutige schwarz umrissene und da wurde auch erst Chianti-Klassico eingeführt, was wiederum aber auch größer ist als das Kernland. Und du nickst gerade so, als wenn du das irgendwie auch erzählen wolltest.
Heiko 1:25:47
Nee, nicht das 1932, aber ich werde auf das initiale historische kurz eingehen.
Marcel 1:25:52
Ah, sehr schön, sehr schön.
Heiko 1:25:53
Also wir ergänzen uns, ohne dass wir uns abgesprochen haben, offensichtlich ganz gut heute. Schön, dass das auch mal gut läuft.
Marcel 1:25:59
Ja, und warum hat man das ganze Chianti so erweitert? Kannst du einen Reim drauf machen?
Heiko 1:26:06
Um noch mehr von diesem Qualitätswein exportieren zu können und sagen zu können, dass es eigentlich im Prinzip aus kapitalistischen Markten kommt.
Marcel 1:26:14
Natürlich. Man wollte einfach von dem Namen profitieren und da genau mehr von verkaufen. Und es wurde ja eh schon damals auch so, wie gesagt, so Raubkopien und so weiter, gab es sowieso, Ich nehme bewusst drauf, wie ich einen schönen Begriff finde. Genau, also jetzt, um das gleich mal so nochmal herauszustellen, also wir haben also Chianti auf der einen Seite und dann haben wir Chianti Classico auf der anderen Seite. Das wird jetzt gleich nochmal wichtig werden. Also es sind zwei Unterschiede. Das Chianti Classico, also das Rote, ist das Herzland sozusagen. Das hat eine eigene DOSCG heutzutage. Und das prinzipiell entspricht ja am ehesten noch diesen Chianti blauen, also die ursprünglichen. Und das Ursprüngliche wurde schon im 13. Jahrhundert erwähnt, deswegen nicht nur seit Hannibal Lecter. Und war auch im 18. Jahrhundert das Kernland unter florentinischer Herrschaft und die Minici. Deswegen wirst du wahrscheinlich darauf eingehen, was gut ist, weil dazu werde ich gar nicht so viel erzählen. Aber damals wurden zumindest schon die ersten Grenzen gezogen, weil es einfach populär war und man wollte dem Ganzen auch so ein bisschen Einheit gebieten, weil halt jeder einfach gesagt hat, hier, ich habe einen Chianti, weil der damals einfach schon populär war. Heute haben wir im Chianti-Klassico ungefähr 340 Winzer. Ich glaube, vorhin hatten wir 240 im Montagino, weiß ich mal ganz genau, aber es sind ein paar mehr auf jeden Fall für dieses Gebiet. Und dann haben wir das Chianti. Und das Chianti sind die sieben anderen Regionen, die wir da in verschiedensten Farben auf der Karte sehen. Zum Beispiel wie Rufina, Colliaretini, Collisinesi. Das sind so mal Namen, die auch quasi Chianti-Regionen sind.
Heiko 1:27:55
Also die dürfen sich auch Chianti nennen, wenn die ein Bein da haben.
Marcel 1:27:59
Also du kannst ja nochmal auf die Flasche gucken.
Heiko 1:28:01
Chianti-Klassico steht da drauf.
Marcel 1:28:02
Chianti-Klassico. Die anderen heißen dann eher Chianti. und teilweise gibt es dann auch mal die zusätzlichen Zeichnungen, die dann mit draufstehen. Generell muss man sagen, dass die Produktionsvorschriften für die sieben Untergebiete im Chianti weniger streng sind als im Chianti Classico. Sprich, da hat man einfach einen ganz anderen Anspruch nochmal. Und dieses Gebiet aus wäre sehr viel größer. Wir haben 3000 Produzenten, also fast zehnmal so viele wie im Chianti Classico. Und das Chianti hat, wir haben ja vorhin Montancino gehört, da war 1980 mit DUCG. Chianti hat es 1984 bekommen und Chianti Classico war damals einfach eine Subregion gewesen. Und dann wurde Chianti Classico 1996 eigenständig. Kannst du dir vorstellen wie so eine Scheidung. Also du lässt dich irgendwie scheiden, wohnst aber noch im gleichen Haus. Also prinzipiell ist es Chianti.
Heiko 1:28:59
Wer hat die Kinder bekommen? Wie ist da die Vereinbarung?
Marcel 1:29:04
Also generell ist es, vielleicht muss man es so verstehen, das ist nicht wie so, also ich glaube in Kalifornien hatten wir ja so die Super-AVAs und dann ist alles Teil von einem anderen. Ist hier quasi nicht so. Also wenn du Winzer, Winzerin, Chianti-Klassico bist, bist du nicht im Chianti-DOCG. Es sind komplett unterschiedliche Konsortien mit unterschiedlichen Regeln. Also kannst du entweder bei dem einen mitspielen oder halt dein eigenes Ding machen oder wenn du woanders geografisch bist bei dem anderen, also… Genau, und da kommen wir nämlich auch zum Thema Weingesetz. Jetzt könntest du gleich noch mal auf diese Flasche gucken. Und zwar…
Heiko 1:29:37
Von Istine.
Marcel 1:29:38
Ja, ob du da was siehst. Vielleicht auf beiden Seiten. Ich bin mir gerade unsicher. Also zumindest hier…
Heiko 1:29:43
Also das Erste, was mir auch für was auf beiden Seiten ist, ist so ein Siegel mit einem Hahn.
Marcel 1:29:48
Ja.
Heiko 1:29:49
Bu Cianti Classico dal 1716. Jetzt habe ich 1716 noch italienisch gesagt, ne? Aber ihr wisst ja.
Marcel 1:29:55
Ja, genau. Und das ist auch das Markenzeichen vom Cianti Classico, nämlich der Gallonero, der schwarze Hahn. und den gibt es tatsächlich schon ziemlich lang, irgendwie seit dem 14. Jahrhundert gab es da so erste Verwendung von diesem Hahn und den kannst du auch nur benutzen, wenn du wirklich, ja, alles erfüllst.
Heiko 1:30:13
Ich weiß nicht, irgendwie Hahn hätte ich immer eher mit Frankreich assoziiert, ich weiß auch gar nicht.
Marcel 1:30:19
Ja, das stimmt. Also mir ist ehrlicherweise vorher auch noch nicht so bewusst. Also Crianti Classico.
Heiko 1:30:26
Crianti Classico, sorry, natürlich.
Marcel 1:30:28
Nicht Crianti, das ist schon was anderes.
Heiko 1:30:29
Also quasi der Hahn ist wirklich exakt muskel Also wirklich dieses Kern-Land-Klassiko sein? Ja, genau. Okay.
Marcel 1:30:35
Und es bedeutet, dass da mindestens 80% Sangiovese drin sein müssen. Du darfst auch keinen Weißfeinverschnitt nutzen, was jetzt wiederum in Chianti dann, glaube ich, sogar noch geht. Du hast wieder so Alkoholvorschriften, also mindestens 11,5%. Du musst es nicht im Fass lagern, also dazu gibt es irgendwie keine Vorschrift. Aber es muss mindestens 12 Monate reifen, wenn du Chianti-Klassiko raufschreibst. Gibt es ja nochmal die Reserve, die hat man ja auch schon mal gesehen, das sind dann irgendwie 24 Monate. Und dann gibt es nochmal die Grand Selezione, das ist so ein bisschen wie nochmal speziell quasi im Chianti Classico die höchste Form. Also wie das große Gewächs vielleicht, so kann man sich das vorstellen, wo du irgendwie so eine Einzellage hast und wo du dann 30 Monate.
Heiko 1:31:14
Aber auch da ist ja dieses System wieder erkennbar, was wir bei den ersten beiden Weihnachten hatten, dass es eher nach Zeit geht, diese Klassifizierung.
Marcel 1:31:23
Ja, hier ja nicht so lange, weil beim anderen hatten wir vier, also 48 Stunden.
Heiko 1:31:27
Nee, es geht nicht so lange, aber offensichtlich wird es trotzdem gesagt, Reifezeit ist schon ein Kriterium hier.
Marcel 1:31:31
Zwölf Monate ist ja jetzt auch nicht so wahnsinnig viel.
Heiko 1:31:33
Weil du gerade das mit großem Gewächs verglichen hast, aber zum Beispiel großem Gewächs ist in dem Fall dann wirklich die Lage und nicht die Zeit.
Marcel 1:31:39
Das scheint hier ein bisschen generell in Italien. Genau, Baustellation hat halt die 30 Monate und hat jetzt, und da gibt es auch irgendwie aktuelle Sachen und Streitigkeiten und so weiter oder man will sich abgrenzen gegenüber Chianti. Zum Beispiel Gran Selezione hat 90% gewesen ab 2027, also geht nochmal höher. Und auch super neu, gerade aktuell diskutiert, wird in Rom entschieden, gibt es elf weitere Unterregionen im Chianti-Klassico. Die sogenannten Uga, also das ist die Abkürzung dafür. Ich weiß nicht, ob ich das aussprechen soll jetzt. Ich glaube, ich kann es auch nicht, aber das ist einfach eine Abkürzung für einfach nochmal eine, wie so Dörfer im Burgund quasi, nochmal eine feinere Aufteilung, kann man sich das vorstellen. Genau, während wir beim Chianti, bei der DOCG Chianti nur 70% sind gewesen haben und aktuell auch in Rom entschieden wird, da auf 60% runter zu gehen. Also man kann so ein Gegengewicht, die einen gehen immer höher und die anderen gehen immer weiter runter. Das ist so ein klares Statement und was auch witzig ist, in dem Chianti haben sie auch versucht Grand Selezione einzuführen, und auch hier, also man sieht so, die kriegen sich so gegenseitig so ein bisschen. Das ist wie so eine Konkurrenz, die sich bekämpfen und also wie bei einer Scheidung so. Man lebt noch im Haus und man geht nicht gut miteinander um, sondern versucht irgendwie sich wirklich, man gönnt sich nicht den Salz in der Suppe. Was es vielleicht einigt, ist so ein bisschen das Klima. Wir haben irgendwie viele sonnige Tage bis in den Herbst hinein. Wir haben so eine leichte Brise, die vom Meer kommt. Im poetischen Sinne. Wir haben relativ kühle Nächte, weil es einfach ein bisschen höher gelegen ist mit den Hügeln. Also nicht überall, aber zumindest heute, wo wir es trinken. Und wir haben so Mergelgestein, den sogenannten Galestro, den es hier gibt. Und vor allen Dingen die Hauptrebsote, den Sangiovese. Dazu auch nochmal kurz ein paar Worte, weil ich vermute mal, dass du zu Sangiovese an sich noch nicht so viel gehört hast. Insofern wäre ich da… was zu erzählen. Es ist eine Rebsorte aus Italien, obviously. Also nicht direkt aus der Toskana. Ich glaube, das war auch so ein bisschen tatsächlich als autochtone Rebsorte mal im Gespräch gewesen oder so. Aber es ist generell Italien die Herkunft. Und auch hier ist es so, dass vermutlich die Etrusker schon die Rebsorte kannten. Die Elternrebsorte ist in dem Falle nicht ganz so deutlich geklärt, wie wir es jetzt in den letzten Episoden hatten, weil es halt so einfach widersprechende Forschungsergebnisse gibt. Also aus den letzten 10, 20 Jahren gab es da mal unterschiedliche Vermutungen und Beweise mit DNA und so weiter. Also insofern würde ich die jetzt auch gar nicht so erwähnen. Also es ist nicht so super klar. Was aber klar ist, dass es das erste Mal 1590 dokumentiert wurde, wo wir jetzt ja im 16. Jahrhundert eigentlich sind. Genau die Zahlen. Da wurde er als Sangiovetto genannt. Und die Namensherkunft der Rebsorte ist prinzipiell auch so eine Anekdote, die gerne erzählt wird, aber mehr Marketing ist. Dass nämlich beim Besuch vom Papst Leo XII. Mönche so den besten Rotwein servierten und er war so begeistert, dass er fragte, wie hieß denn der Wein? Und dann haben die Mönche auf den Berg geblickt und die tiefrote Farbe des Weins gesehen und gesagt, das wäre Sangius Jovis, das Blut Jupiters. Ja, aber wie gesagt, das ist eher so, das wird heute gerne halt auf den Seiten der Regionen gern erzählt. Vermutlich ist es trivialer und das ist einfach Wein von Monte Giovo bei Rimini.
Heiko 1:35:19
Ich wollte gerade sagen, dass so ein Mönch dem Papst wahrscheinlich jetzt auch nicht sagen würde, dass es das Blut von einem heidnischen Gott der alten Römer ist, sondern hätten sie wahrscheinlich eher das Blut Christi gesagt oder Lacryma Christi, die Tränen Christi oder so.
Marcel 1:35:32
Es ist die häufigste Rebsorte, die in Italien angebaut wird. Also circa 10 Prozent der Weinproduktion geht in diese Rebsorte rein. Und das ist halt vor allen Dingen in Mitte Italien verbreitet. Und wir haben es jetzt hier natürlich, in Chianti ist es das Hauptding. Wir haben es beim Brunello, wir haben es auch bei Vino Nobile di Montepiciano. Also nicht die Rebsorte Montepiciano, sondern den Ort. Da ist der auch natürlich sehr stark vertreten. Auch hier haben wir so ein bisschen eine anspruchsvolle Rebsorte, die ein bisschen später reift und dadurch ihn ein bisschen anfälliger macht. Das heißt, der reift so ein bisschen wie der Alianico Ende September bis Mitte Oktober oder auch später. Das heißt irgendwie in heißen Jahren ist er dann sehr alkoholhaltig, kann aber auch lange überdauern, was wir ja offensichtlich schon erlebt haben und getrunken haben. In den kühlen Jahren hat man dann eher Probleme mit zu viel Säure und harte Tannine. Auch das ist so ein bisschen beim Agianico so ein bisschen ähnlich. Und generell mag er eher so karge Böden, weil es nämlich zu fruchtbar wird, dann ist er eigentlich gar nicht mehr so gut. Und so vom Geschmackspropil, ich meine jetzt, offensichtlich hast du es schon festgestellt, wir haben eine ausgeprägte Säure, die so klassisch ist, weil wir auch jetzt natürlich im Chianti gerade im Glas hatten und wir haben auch deutlich.
Heiko 1:36:49
Also das ist grundsätzlich so, dass jetzt auch nicht nur, weil bei dem anderen war es ja, also bei beiden bisherigen, sag ich mal, Flaschen, Fensterweinen, die du so genannt hast, war es schon deutlich, das liegt jetzt nicht nur daran, sondern generell die Rebsorte hat. halt, okay. Weil bei dem zweiten Wein vorhin war es ja nicht ganz so säurehaltig. Ach nee, es war ja auch Brunello.
Marcel 1:37:09
Ja, der war halt einfach dagegen nochmal ein bisschen schwerer. Da hatte er einfach die gleiche, also da war schon die gleiche…
Heiko 1:37:14
Da war doch Sanjuvese drin, ne?
Marcel 1:37:15
Das ist auch alles Sanjuvese. 100% Sanjuvese, alles. Und auch da waren die gleiche Grammzahl an Säure quasi drin. Ah, okay. Du hast es einfach nicht so gespürt, weil da mehr Holz…
Heiko 1:37:25
Ah, stimmt doch, ja, ja, ja, ja, stimmt. Ach, witzig. Okay, was heißt witzig? Interessant.
Marcel 1:37:29
Und so Geschmacksprofil, also Sauerkirsche ist sehr typisch. Trockene Kräuter und auch florale Noten, wobei ich mich da immer ein bisschen schwer tue, ehrlicherweise. Ich habe jetzt bewusst auch versucht noch ein Feichen zu bekommen, weil es oft damit beschrieben wird. Und ich dann, da fehlt mir glaube ich, also ich habe Blumen und Pflanzen im Kopf, aber das Feichen sagte mir jetzt gerade nichts. Ich konnte es aber heute nicht mitbringen, sonst hätte ich es dir nämlich auch mal gegeben und hätte mal geguckt.
Heiko 1:37:57
Ob was rausschmecken, so wie die riecht.
Marcel 1:38:00
Ja, genau. das wäre der Sangiovese. Und jetzt trinken wir den nächsten Sangiovese, nämlich auch ein Chianti-Classico von der Tenuta di Calione von 2023.
Heiko 1:38:12
Stand jetzt natürlich auch schon ein Waldchen im Glas.
Marcel 1:38:15
Also ein bisschen temperatural, genau. Aber der riecht auf jeden Fall sehr viel intensiver. Und ich finde, der hat so was warmes.
Heiko 1:38:26
Der würde, was du gerne mal Stall nennst oder so ein bisschen.
Marcel 1:38:30
Ach so, okay. Da hin, okay.
Heiko 1:38:36
Nee, jetzt auch nicht mehr. Also irgendwas, ich wollte wieder muffig sagen. Aber ich meine es gar nicht negativ.
Marcel 1:38:42
Aber so wieder so eine Kellergeschichte.
Heiko 1:38:44
Ja, genau, so was in die Richtung hatte ich eben. Vielleicht das, also ich kann es, ich bin noch nicht so gut, das alles mal zu beschreiben. Was ich da…
Marcel 1:38:51
Also ich finde, der riecht zum Beispiel nicht nach dieses Beerige oder so. Für mich hat der wieder ein bisschen mehr was von einer Pflaume.
Heiko 1:38:59
Konzentrierte Pflaume?
Marcel 1:39:02
Naja, eher so die Pflaume vom…
Heiko 1:39:04
Also wie gesagt, ich rieche nicht so fruchtig, nicht süß oder so. Mich so ein bisschen… Ich sag Muffich, ich weiß nicht. War wirklich gar nicht negativ. Muffich klingt negativ, das meine ich aber damit gar nicht. Mir fällt gerade nur kein Wort ein, wie ich das beschreiben soll.
Marcel 1:39:24
Ich finde aber auch schon die Säure.
Heiko 1:39:27
Auch dunkel. Wir haben jetzt gar nicht mehr… Also jetzt ist auch mittlerweile kein Tageslicht mehr.
Marcel 1:39:31
Der erste war auf jeden Fall heller, die sind auf jeden Fall dunkler, ja.
Heiko 1:39:39
Boah, der schmeckt richtig gut.
Marcel 1:39:42
Ja. Weißt du, wo ich den ersten Mal probiert habe, was ich da denken musste?
Heiko 1:39:48
Ja, Janikon?
Marcel 1:39:50
Nee, also ich hab mir das auch, ich mach mir immer so Notizen, so jetzt meinen Eindruck sozusagen. Schmackofatz.
Heiko 1:39:57
Achso, als… Also der ist… Hallo.
Marcel 1:40:00
Das ist ein Schmackofatz, ne? Kennst du diesen Begriff?
Heiko 1:40:06
Nicht. Also ich weiß nicht.
Marcel 1:40:08
Du hast noch nie dieses Zitat gehört?
Heiko 1:40:11
Bestimmt irgendwo, wenn du das jetzt abspielst. Ich sehe schon, was du davor hast. Was war das nochmal?
Marcel 1:40:23
Das ist Daniel Beutner, der hatte Rum und Whisky gerne verkostet oder auf YouTube verkostet.
Heiko 1:40:29
Nee, das kenne ich denn nicht.
Marcel 1:40:30
Und er hat auch so Tastings gemacht und dann hat er es so beschrieben und Schmackofatz.
Heiko 1:40:37
Der ist wirklich richtig lecker. Ich weiß nicht, ob ich Schmack und Fatz genutzt hätte als Begriff, aber der ist einfach richtig, richtig lecker.
Marcel 1:40:45
Der ist ein bisschen dunkler.
Heiko 1:40:47
Also zudem würde ich auch, wie Hannibal Lecter so eine Leber ist. Nein, das ist ja, hä?
Marcel 1:40:54
Der ist wirklich gut.
Heiko 1:40:56
Der begeistert mich fast schon richtig.
Marcel 1:40:58
Der ist so, ich finde, der ist, also der hat auch, also es ist auch eine Kirsche, aber so eine dunkle. und ich finde, der hat so eine geile Würze.
Heiko 1:41:07
Das ist auch da, man merkt schon die Säure.
Marcel 1:41:09
Das ist auch so eine Strafe Säure.
Heiko 1:41:10
Aber auch nicht so, dass sie einen jetzt irgendwie so, also man muss nicht, es gibt ja so Säure, die einen so einen kurzen Schauer über den Ring haben.
Marcel 1:41:18
Und der bleibt auch auf der Zunge, ne? zum mittleren, also hat einfach auch Körper. Der andere war schon ein bisschen mehr auf der Säure. Achso, du hast ja…
Heiko 1:41:30
Ich kann den nicht mehr ganz vergleichen, weil ich hab das nicht mehr drin. Den finde ich, er hat vor allem auch so eine, ja, jetzt nehme ich wieder ein Wort, was man nicht so richtig was assoziieren kann. Ich finde ihn elegant auch. Irgendwie. Ohne dass ich das genauer, ich glaube, wir hatten in irgendeiner der letzten Folgen oder so auch schon mal diesen Begriff elegant. Das ist immer schwierig, was ist elegant, das greifbar zu machen. Aber irgendwie assoziiere ich das damit irgendwie.
Marcel 1:41:56
So, jetzt hast du noch mal etwas im Glas.
Heiko 1:41:58
Jetzt mal so zum Vergleichen.
Marcel 1:42:00
Wäre so ein bisschen die Frage wieder, was unser Finsterwein ist, ne? Vielleicht ist es ja auch beide okay.
Heiko 1:42:06
Also ich finde den, bei dem anderen war es ja so, da hat man so ganz, also es war ja so ein krasser Unterschied im Sinne von durch diese Säure und so, dass dann wirklich so, oh Gott. Also nicht, oh Gott. Aber das hatte ich jetzt nicht. Auch der direkt im Vergleich hat mir auch direkt wieder trotzdem geschmeckt.
Marcel 1:42:20
Mhm.
Heiko 1:42:23
Boah, also mit Fensterwein meinst du ja den eher, der so Massenkonsum oder so ist?
Marcel 1:42:27
Nö, ich glaube, es ist so ein bisschen, ich würde jetzt eher sagen, es ist dieser Alltagswein, der einfachere, also ich, ja, so würde ich es ja eher so ein bisschen, wo du da ans Fenster gehst und dir was nachfüllen lässt, ne?
Heiko 1:42:42
Ja, aber das ist blöd zu sagen, weil den würde ich den zweiten nehmen, weil er mir besser schmeckt.
Marcel 1:42:47
Okay, also den würde ich.
Heiko 1:42:49
Davon würde ich, wir hatten es ja vorhin bei dem ersten Wein, da hatte ich ja noch gesagt, ja, so ein Gläschen oder zwei würde ich, aber ich will keine ganze Flasche davon nehmen. Von der würde ich mir auf jeden Fall eine Flasche auffüllen, weil ich den einfach richtig gut finde. Aber das macht den ja nicht zu einem, ich weiß nicht, ob es den zu einem Fenster war. Also der schmeckt jetzt nicht wie ein auf Masse ausgerechnet für den Fensterverkauf, aber er schmeckt mir halt so, dass ich sagen würde, also wenn die mir den irgendwo auffüllen, dann sage ich nicht nein.
Marcel 1:43:13
Übrigens, vielleicht noch, also die Weine, die sind ja immer mit Links auch in den Shownotes und auch immer mit Links, wo man die bestellen kann. Wir hatten jetzt einige Weine jetzt schon von Superio, die, also einfach italienisch weinen. Wir haben uns aber auch einen, der erste Chianti-Klassico ist von 50 Seconds Finish. Ist ein Weinladen, tatsächlich auch hier wieder in Charlottenburg.
Heiko 1:43:35
Was man so neu entdeckt, weil man sich erst so raus hat.
Marcel 1:43:38
Ja, also auf die Toskana auch spezialisiert.
Heiko 1:43:40
So echt spezialisierte, wo hatten wir es? Du hattest doch auch so ein, bei den Pisco war es auch so ein spezialisierter Laden, den du gefunden hast. Jetzt Toskana und Naturwein.
Marcel 1:43:48
Genau, ein super cooler Laden, der auch auf das Toskana tatsächlich speziell die…
Heiko 1:43:53
Wie heißt der?
Marcel 1:43:54
50 Second Finish. Genau, gibt es auch einen Online-Shop. Also eher Online-Shop, aber er hat auch zweimal die Woche auf Online-Online auch vorbeigehen. Genau, und der zweite ist, den gibt es auch, glaube ich, bei Superiore oder habe ich nicht. Und aber auch bei Dealer Devant, den ich auch gerne, wo ich privat oft das bestelle. Genau.
Heiko 1:44:16
Aber was ist für dich, der Fanset? Jetzt hast du mir die Frage gestellt.
Marcel 1:44:20
Jetzt musst du schon auch selber beantworten. Ich erzähle jetzt nichts zu dem Winzer, weil wir den gleich nochmal im Glas haben werden.
Heiko 1:44:27
Von dem zweiten? Ja, da freue ich mich ja schon fast drauf.
Marcel 1:44:30
Und dann erzähle ich dazu nochmal was. Ich finde ehrlicherweise, ich mag auch, ich mag beide so.
Heiko 1:44:36
Das auf jeden Fall.
Marcel 1:44:37
Ich glaube, es ist auch immer die Frage, was kombinierst du dazu oder so. Ich glaube zum Beispiel auch der Estine, würde ich als super guten Pizzavein. Das, glaube ich, macht man sich dafür super gerne auf. Bin aber auch bei dir. Deswegen sage ich ja, es ist ein Schmackofatz. Ja. Ja. Damit wären wir mit dem zweiten Pärchen durch.
Heiko 1:44:59
Okay. Ja, wir haben eben ja gehört, also vor dem zweiten Weinpaar, wie allgegenwärtig Wein in Florenz des 15. und 16. Jahrhunderts war. Es war, wie gesagt, Grundnahrungsmittel, es war Wirtschaftsfaktor, zentrale Steuerquelle. Und wir haben dann einen Schritt zurück gemacht Florenz war offiziell eine Republik, de facto aber eine von reichen Kaufmannsfamilien dominierte Wirtschaftsmacht, getragen von Handel, Bankwesen und eben diesem berühmten Goldflorin. So, und jetzt endlich auftritt die Medici.
Marcel 1:45:28
Endlich. Lange drauf gewartet.
Heiko 1:45:31
Zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so eine besonders bedeutende alteingesessene Familie, aber ihr Bewanktwesen und geschickte finanzielle und politische Entscheidungen sorgen dafür, dass sie dann zur mächtigsten Familie Italiens, vielleicht auch zeitweise ganz Europas aufsteigen sollten. Das wird jetzt ein kurzer Abriss so im Schnelldurchlauf und ich werde jetzt hin und wieder auch ganz klassisch einfach so ein paar Daten und Namen droppen müssen, aber ich versuche mich trotzdem so ein bisschen aufs Wesentliche zu konzentrieren und es muss sich jetzt auch nicht jede Jahreszahl gemerkt werden und so, das versteht sich, es ist nur eben einfach so ein bisschen wichtig, so für die Einordnung unseres ganzen Themas und in welchem Kontext wir uns eben bewegen. Alles beginnt. Giovanni di Bici di Medici. Aus einem eher unbedeutenden Zweig der Medici-Familie. Zunächst gar nicht so vermögend, war ja so als Besitzer einer Wollwerkstatt eben Mitglied der Arte della Lana, also der Wollzunft. Aber sein eigentliches Interesse, das galt ohnehin eher dem Bankwesen. Giovanni begann seine Laufbahn in so kleineren Finanzgeschäften und trat dann später erstmal in die römische Niederlassung der Bank seines Cousins ein. Also es gab schon so eine Medici-Bank dort. Da stieg er dann zum Teilhabe auf und übernahm 1385 schließlich das Unternehmen vollständig und macht es quasi zur Grundlage seines eigenen Bankhauses. Er gründet weitere Niederlassungen in ganz Europa, während er sich selbst dann so halt nach Florenz zurückzieht, um dort so ein bisschen den politischen Einfluss der Familie auch einfach zu sichern. Und ganz besonders profitiert er dabei von seinen engen Verbindungen zum Papsttum. Die Verwaltung der päpstlichen Finanzen, das kannst du dir auch vorstellen, Marcel, die war natürlich grundsätzlich lukrativ, gewann jedoch gerade in dieser Zeit besonders an Bedeutung, nämlich gerade während des sogenannten großen abendländischen Schismas. Was ist das? In dieser Zeit konkurrieren zwischenzeitlich drei Päpste gleichzeitig um die Vorherrschaft. Also es gibt einen Papst, es gibt einen Gegenpapst, dann gibt es noch einen Gegenpapst, der eine sitzt in Rom, der eine sitzt in Avignon.
Marcel 1:47:22
Weil das wusste ich gar nicht, das ist mal so ein.
Heiko 1:47:26
Also es war weiter in das Zentrum, aber dann gab es eine Partei sozusagen. Es war ja auch die Zeit, in der das Papsttum deutlich mächtiger und deutlich wichtiger war, als es heute natürlich auch war. Das heißt, es gab eine Partei, die mit der Wahl nicht zufrieden war, die einfach einen anderen Papst aufgestellt hat und so weiter. Und in dieser Zeit, in der wir uns jetzt bewegen, gibt es drei Päpste gleichzeitig.
Marcel 1:47:45
Was ist die zweite höchste Erzbischof-Form? Und Kardinäle. Ach, Kardinäle noch höher. Und die, also die waren auf theoretischer gleichen Ebene. Die Papste. Also deswegen Gegenpapste. Also die waren theoretisch, Auf der gleichen Ebene.
Heiko 1:48:00
Welcher Ebene? Es gibt eine Gruppe von politischen Akteuren, von religiösen Akteuren, also einfach von Mächtigen, die mit der Wahl des Papstes, weil er so macht, man nicht einverstanden war und deswegen einen anderen Papst gewählt hat. gesagt haben, das ist jetzt so. Und der war dann zwischenzeitlich in Avignon und dann wurde noch ein Papstgewehr. Also das ist ein bisschen kompliziert. Eigentlich wollte ich ihn nur schnell durchnommen haben. Das ist gar nicht so wichtig.
Marcel 1:48:25
Aber Schisma heißt dann einfach, dass sie…
Heiko 1:48:27
Schisma heißt, dass es quasi wie so eine Trennung, also wie eine Derteilung ist. Das ist das große Abendland und das Schisma, also das quasi eben das Abendland geteilt war und sich nicht einig war.
Marcel 1:48:37
Also wie bei Chianti und Chianti Klassik ist auch ein Schisma.
Heiko 1:48:40
Ungefähr so, ja. Also in dieser Zeit jedenfalls konkurrieren zwischenzeitlich gleich drei Päpste, ich hab’s schon mal erwähnt, um die Vorherrschaft, was dann natürlich nochmal enorme finanzielle Mittel erforderte, etwa für Verwaltung, Diplomatie, politische Bündnisse, auch militärische Absicherung. Also es entstand einfach nochmal mehr als ohnehin schon für das Papstum, sondern Notwendigkeit für europaweite Finanzströme, wovon natürlich Bankiers, die daran beteiligt sind, naturgemäß profitieren. Giovanni unterstützte während dieses Schismas zwar einen der Gegenpäpste, der die Medici-Bank zu seiner Finanzverwaltung machte, er verstand es dann auch nach dessen Sturz, quasi seine eigene Position zu sichern und sich dann einfach quasi unter der neuen, dann auch wieder allgemein in Rom anerkannten und ansässigen päpstlichen Ordnung so als unverzichtbarer Finanzpartner für die Kurie, für die Römische, also für das Papsttum zu etablieren. Und die daraus resultierenden Geldströme, die verschaffen dann der Medici-Bank wirklich außergewöhnliche Gewinne und legen im Prinzip den Grundstein für den politischen Aufstieg dann auch der Familie. Also die haben jetzt richtig viel Asche, sind richtig einflussreich und was macht man damit? So Politik. Giovanni selbst war eigentlich eher zurückhalten, er wollte auch gar nicht so offen Politik machen, aber es war von Kaufleuten in der Zeit in Florenz eigentlich nicht nur erwartet, man musste einfach auch quasi öffentliche Ämter annehmen, deswegen nahm er das widerwillig auch so ein bisschen an, blieb aber eigentlich lieber im Hintergrund. Sein Sohn Cosimo da, dann war er eigentlich schon ehrgeiziger und er sollte es dann schließlich auch sein, der wirklich die wirtschaftliche macht, der Familie wirklich endgültig in so eine, politische Vormachtstellungen verwandelte. Wenn man der reichste Mensch der Welt ist, vielleicht auch der Welt wahrscheinlich, ehrlicherweise, aber in dem Fall, wenn man der reichste Mensch der Stadt ist und dann auch noch ehrgeizig, dann macht man sich naturgemäß Feinde. Das kannst du dir auch vorstellen, insbesondere eben bei der traditionellen Führungsschicht. Seinen Aufstieg dann natürlich mit Misstrauen sah. Das ist namentlich vor allem die Familie Albizzi, die bis dahin so die Politik von Florenz maßgeblich bestimmt hatte. Und im Jahr 1433 hat sich deren Oberhaupt, Rinaldo degli Albizzi, das lange genug angesehen, sozusagen, denkt er. Und er versucht jetzt Cosimo endgültig auszuschalten. Der wird mir zu gefährlich. Er wird verhaftet deswegen Cosimo und wird im Palazzo della Signoria festgesetzt. Offiziell wirft man ihm vor, nach tyrannischer Alleinherrschaft zu streben und so die republikanische Ordnung zu untergraben. Also man sucht da halt natürlich nach Vorwürfen. Und Rinaldo drängt wirklich auf ein Todesurteil durch den Rat der Signoria. Und es ist auch gar nicht quasi in dem, also es ist wirklich offen, wie das ausgeht. Aber Cosimus‘ wirtschaftliche Macht und die Macht der Medici, die erweist sich eben auch in dieser Krise als entscheidend. Ich hatte es gesagt, wer reich ist, der macht sich viele Feinde. Aber ich sage mal, die buchstäblich andere Seite dieser Münze ist auch, Auch wer reich ist, hat eben auch viele Freunde, die er sich kaufen kann. Und Cosimo verfügt einfach über zahlreiche Anhänger und einflussreiche Freunde innerhalb der Stadt. Zudem besticht er auch einfach den amtierenden Gonfalonieri, also den Regierungsoberhaupt sozusagen mit tausend dieser Goldfloriens, die wir heute auch schon gesehen haben. Der daraufhin zufällig erkrankt, als über Cosimos Schicksal entschieden wird. Im Übrigen soll sich Cosimo im Nachhinein darüber etwas lustig gemacht haben, wie billig er dabei weggekommen ist. Aber das nur am Rande. Statt der Todesstrafe wird Cosimo jedenfalls schließlich zu zehn Jahren Exil verurteilt, aber selbst dieses Exil dauert am Ende nur etwa ein Jahr, denn große Teile der Bevölkerung in Florenz und auch zahlreiche einflussreiche Familien, die wenden sich dann gegen die Albizie-Herrschaft, auch weil es einen wirtschaftlichen Abstieg gibt. Er hat diverse militärische, wir hatten es vorhin so gegen andere Städte und so, hat er einige Entscheidungen getroffen, die nicht sehr populär waren und auch nicht sehr erfolgreich. Deswegen wendet man sich dagegen und fordert Cosimus Rückkehr und 1434, also nicht mal ein Jahr nach seinem Exil, Kehrt er quasi wie so einem Triumphzug fast schon nach Florenz zurück, lässt die Albizzi und all ihre Anhänger dann auch verbannen und beseitigt damit eigentlich systematisch seine politischen Gegner und hat dann im Prinzip alle Macht sozusagen auf sich so vereint. Formal bleibt Florenz aber im Prinzip eine Republik. Er nimmt keinen Fürstentitel oder so an, sondern er bezeichnet sich selbst eher so als Primus Inter Paris, das heißt Erster unter Gleichen. Und tatsächlich beruht seine Herrschaft eher so auf so einem, wie kann man es sagen, so einem dichten Netz persönlicher Abhängigkeiten. Kredite, Bürgschaften, wirtschaftliche Verflechtungen. Mit all diesen Dingen macht er so zahlreiche, einflussreiche Familien einfach von sich abhängig. Politische Ämter wurden auch weiterhin gewählt bzw. ausgelost, doch im Prinzip bestimmt jetzt einfach Cosimo indirekt, wer kandidieren kann und wer nicht. Und so bleibt dann zwar nach außen so die republikanische Ordnung gewahrt, aber faktisch ist die Stadt eigentlich von einer einzigen Familie und vor allem von Cosimo de‘ Medici dominiert und beherrscht. Ein zentrales Element dieser Herrschaft ist dann aber auch die gezielte Förderung von Kunst und Kultur. Cosimo finanziert bedeutende Bauprojekte, unterstützt Philosophen, Künstler, Humanisten und unter ihm entwickelt sich Florenz einfach wirklich zum geistigen Zentrum der Renaissance. Und diese kulturelle Blüte verleiht dann dieser ganzen Medici-Herrschaft, das macht er natürlich nicht nur aus Spaß und Nächstenliebe, sondern es verleiht dem Ganzen auch so eine intellektuelle, moralische Legitimation. Also es ist ja nicht, also man hat heute ja auch noch so irgendwie Herrscher, die wollen bauen, die müssen irgendwie zeigen, sind irgendwie Mäzen und so weiter, das gehört irgendwie dazu. Im persönlichen Auftreten inszeniert sich Cosimo selbst eher als bescheidener Bürger, das ist eigentlich auch ganz spannend, er trägt sehr, sehr schlichte Kleidung, er reitet nur auf einem Maultier durch die Stadt, aber selbst, sag ich mal, die Zeitgenossen erkennen trotzdem ziemlich klar seinen Rang und erkennen, was da ist, auch wenn das alles nur formal natürlich noch anders ist. der Papst Pius II. der fasst Cosimus Stellung eigentlich relativ treffend zusammen. Er sagt nämlich, Cosimo sei in allem ein König, außer dem Namen nach.
Marcel 1:54:37
Okay, weil ich würde gerade sagen, das ist ein bisschen wie bei Goethe, der sich auch verkleidet hat als einfacher und nicht erkannt zu werden.
Heiko 1:54:44
In dem Fall geht es nicht um Erkannt zu werden, sondern eher dieses Zerschaustellen von Bescheidenheit und so, was natürlich wahrscheinlich auch so ein bisschen, Show ist, im Gegenteil, so ein bisschen gehört irgendwie dazu. Nach seinem Tod, also nach Cosimus‘ Tod, reagiert erst mal sein Sohn Piero, auch wenn, wie gesagt, nicht als offizielle Amtsgewalt, sondern einfach aufgrund von diesen ganzen Einflüssen und Patronage-Einrichtungen und so weiter, diesem ganzen Reichtum, den sie einfach kulminiert haben. So richtig prägend wird dann aber auch erst nochmal die Herrschaft dessen Sohns, also Cosimus‘ Enkels, das ist Lorenzo de‘ Medici, er wird auch Il Magnifico genannt, also der Prächtige, das sagt schon viel aus. Und bei ihm erreicht Florenz wirklich den Höhepunkt der Renaissance sozusagen. Er fördert unter anderem Künstler wie Botticelli und Michelangelo. Also das sind halt wirklich die großen Namen oder eine mitzählt zu den großen Namen dieser Zeit und macht die Stadt einfach zum kulturellen Zentrum Europas eigentlich. Vor allem Michelangelo ist bis heute ja selbst Kunstlein ein Begriff und irgendwie untrennbar mit der Renaissance verbunden. Gleichzeitig aber beginnt unter Lorenzo auch der wirtschaftliche Abstieg tatsächlich. Es gibt hohe Ausgaben, weil er fördert halt, er geht mit seinem Geld so ein bisschen Larifari um, fördert halt die ganzen ganzen Künstler, aber irgendwie muss Geld natürlich auch reinkommen. Er hat vernachlässigt so ein bisschen die Kontrolle über die Bankfilialen und am Ende führen tatsächlich auch so, vor allem das, also so riskante Kredite zu so einem schleichenden Niedergang der Medici Bank. Zum Beispiel löst sich das Burgunderein, also das Herzogtum Burgund auf in der Zeit, was bei den Medici aber hoch verschuldet war, das heißt. Die waren weg, zahlen ihre Kredite nicht zurück. Die ganze Filiale, also die Zweigstelle in Brügge geht insolvent. Und auch das englische oder auch englische Kredite konnten dann im Zuge des großen Krieges zwischen den Häusern York und Lancaster nicht mehr zurückgezahlt werden. Also auch da, ich glaube, die Zweigstelle London hat fleißig Kredite ausgegeben, damit sich da die York und Lancaster sich gegenseitig bekriegen könnten. Aber die wirtschaftliche Lage danach in England war so, dass sie die Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten, auch insolvent gegangen. Und so geht dann tatsächlich einfach nach und nach.
Marcel 1:56:48
Bisschen wie die Finanzkrise dann, wo dann so…
Heiko 1:56:50
Ja, aber sehr, sehr, sehr spezifisch, auch sehr, vor allem auf die Medici-Bank selbst nur gewöhnt. Nach dem Tod Lorenzos verschärft sich die Krise dann noch unter seinem Sohn Piero. In dieser Zeit fällt nämlich dann der Beginn der sogenannten italienischen Kriege. Und jetzt wird es ein bisschen kompliziert, auch mit ganz vielen verschiedenen Interessen und Parteien. Aber ich mache es ein bisschen kurz und ich konzentriere mich so ein bisschen auf den Kernkonflikt, der so ein bisschen für uns jetzt noch relevant ist. Denn die italienischen Kriege, die entzünden sich am Anspruch Frankreichs auf den Thron in Neapel. Wir hatten ja gesagt, Neapel ist ein Königtum und da erhebt Frankreich, weil man hat ja immer so Verwandtschaftsbeziehungen zwischen europäischen Königshäusern und so weiter, das ist ja heute noch so. Und da gibt es halt einen Anspruch Frankreichs auf den Thron, der wird aber schließlich zum Machtkampf generell über die europäische Vorherrschaft zwischen Frankreich und dem Kaiser aus dem Haus Habsburg vom Heiligen Römischen Reich. Die streiten sich sozusagen, Also die streiten sich ein bisschen untertrieben, aber das ist so der Kernkonflikt. Wie gesagt, da gibt es ganz viele verschiedene Interesse, die jetzt zu weit führen. Aber dieser Konflikt zwischen den beiden wird dann zu großen Teilen auf italienischem Boden mit wechselnden Bündnissen geführt. Und so werden quasi diese zersplitterten italienischen Stadtstaaten, die wir vorhin gesehen haben, zum Schauplatz fremder Machtinteressen einfach. Und als 1494 dann das französische Heer unter Karl VIII in Italien einmarschiert, reagiert Piero de‘ Medici sehr, sehr ungeschickt. Er macht dem französischen König weitreichende Zugeständnisse, verzichtet auf Widerstand, lässt ihn mehr oder weniger da durchmarschieren, was ihn sehr, sehr, sehr unbeliebt macht. und infolge eines Aufstands wird er dann tatsächlich auch vertrieben und die Medici verlieren erstmal ihre Stellung in Florenz. In dieser Phase erkennen die Medici dann, dass so eine Rückkehr zur Macht offensichtlich nicht mehr allein so über die Stadt Florenz, nicht mehr allein über Reich, über Brankwesen und weiter möglich ist. Politische Autorität lässt sich jetzt vor allem so über überregionale Institutionen sichern. Insbesondere über das Papsttum zum Beispiel. Tatsächlich stellt die Familie dann, wenn auch über einen anderen Familienzweig, mit Leo X. und Clemens VII. Zwei-Päpste und gewinnt dadurch erheblichen Einfluss in Italien. Einen entscheidenden Wendepunkt dann markiert der sogenannte Sacco di Roma von 1527. 1527 wird Rom quasi geplündert und gebranntschatzt von so einem außer Kontrolle geratenen kaiserlichen Heer, also aus dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Kaiser Karl V. Ich sagte, das ist kompliziert, weil eben hatten wir einen französischen König Karl, jetzt haben wir einen Kaiser Karl. Also die heißen ja auch noch alle gleich. Das macht die Sache nicht leichter. Also Kaiser Karl V. setzt sich auf jeden Fall am Ende in Folge vor allem auch dieses Sacco di Roma als dominierende Macht auch in Italien durch und verfolgt nun natürlich das Ziel, diese ein bisschen auch vielleicht politisch instabile Halbinsel, so ein bisschen durchverlässliche jetzt ihm. Auch dynastisch angebundene Herrschaften zu stabilisieren. Mailand gerät als strategisch wichtiger Brückenkopf so ein bisschen unter direkte habsburgische Kontrolle. Neapel wird dauerhaft Teil des spanisch-habsburgischen Herrschaftsbereich. Venedig behauptet, so ein bisschen formal die Unabhängigkeit als Seemacht. Aber in Florenz entscheidet sich Karl ganz bewusst für so jetzt eine erblich legitimierte Medici-Herrschaft. Er sagt, ich möchte die abhängig von mir machen. Medici, die waren da schon häufig, eh schon immer sehr erfolgreich. Klar sind die da zwischendurch vertrieben worden, aber das ist irgendwie die Power to be, die ich da sehe. Also setzt er als loyalen Machtfaktor für ihn in Florenz, Medici. Als dann jetzt nicht mehr nur Primus Interpares, sondern wirklich als erbliche Instanz dort ein. und 1530 wird dann mit der Belagerung der Stadt im Prinzip wirklich die Republik Florenz abgeschafft und zwei Jahre später ernennt Karl dann eben Alessandro de‘ Medici zum Herzog und zwar zum erblichen Herzog von Florenz. Nach Alessandros Ermordung 1537 übernimmt dann Cosimo I., also auch ein bisschen verwirrend, das ist Cosimo I., wir hatten vorhin schon mal ein Cosimo, aber das ist jetzt Cosimo I., weil das der Erste als Herzog sozusagen ist, übernimmt die Herrschaft, er reformiert Verwaltung und Militär, schränkt die Macht des Adels ein, macht Florenz zur Hauptstadt dann auch eines territorialen Staates und 1569 wird er dann vom Papst wiederum offiziell zum Großherzog erhoben und es ist wirklich die Geburt des Großherzogs Toskana und jetzt ist da endkürtig wirklich nichts mehr mit Demokratie, auch wenn wir, wie gesagt, vorhin ja auch festgestellt haben, das war eh nicht so demokratisch. Und mit diesem Schritt haben die Medici im Prinzip wirklich ihr ursprüngliches Umfeld der städtischen Republik endgültig hinter sich gelassen und aus diesen Kaufleuten und Bankiers sind Fürsten bzw. eben Herzöge und Großherzöge geworden. Einmal durchatmen. Das war jetzt einmal unser Galopp so durch die Geschichte und ich denke, zur Erholung haben wir uns alle jetzt an der Stelle redlich das nächste Weinpaar kurz verdient, bevor wir dann Richtung Ende in der Geschichte auch kommen und den Weinfenstern.
Marcel 2:01:52
Du redest darüber, dass wir von der Freie Republik gekommen sind zu so einer dynastischen Herrschaft. Also ich wollte jetzt eigentlich über die Freiheit reden. Ein bisschen das Gegenteil. So generell vielleicht als These, dass Toskana nicht, also ich habe ja gesagt, dass wir irgendwie sehr viel Sanguvese haben. Aber vielleicht ist Toskana auch nicht nur Sanguvese, sondern vielleicht wird es auch spannend, wenn es mal nicht da ist oder vielleicht nicht dominant ist. Und deswegen trinken wir jetzt auch Weine wieder, oder wir trinken jetzt Weine, wo San Gewiese nicht im Vordergrund steht. Aber wir verlassen das Gebiet nicht. Wir sind weiterhin im Chianti Classico. Ich weiß nicht, ich kann die ja kurz mal umdrehen. Aber wir sehen auf jeden Fall keinen Hahn mehr. Wir sehen jetzt keinen Hahn mehr, sondern wir haben jetzt sogenannte IGT-Weine. Also nach dem Havelwein quasi die erste Klassifizierung, wo man relativ große Freiheiten hat. Und das bedeutet prinzipiell auch, man hat große Freiheiten, man muss nicht diese 80% Sangiovese, man muss nicht diese Reifezeit und so weiter, man hat viel mehr Freiheiten, deswegen wäre jetzt so ein bisschen meine Überschrift. Freiheit, wir verlassen die Schablonen und die Tradition. Und deswegen wird der fünfte Wein, jetzt werden Le Mansi, Seng.
Heiko 2:03:13
Ist das mit Absicht oder ist es ein reiner Zufall, dass das der fünfte Wein ist und auf dem Etikett groß eine 5-Franc oder hast du das da selber drauf geschrieben?
Marcel 2:03:21
Nein, nein, nein. Das ist so. Es bezieht sich auf was anderes. Ich habe aber gar nicht, das habe ich gar nicht so gerafft vorher. Zeng. Zeng heißt der Wein. Von 2022. Das bezieht sich aber nicht auf den fünften Wein in diesem Podcast. Das wäre ja auch noch schöner. Sondern das bezieht sich darauf, dass wir hier fünf Rebsorten am Start haben.
Heiko 2:03:43
Okay, wirklich Zufall. Aber ein witziger Zufall. Wir sind auf die Meta-Ebene geschoben.
Marcel 2:03:48
Und hier sind wir jetzt dann, diese fünf Rebsorten unter anderem beinhalten auch einen Sankiewese. Aber die beinhalten auch einfach auch autotone Rebsorten und prinzipiell einer Rebellin, die sich bewusst dem Chianti-Klassico auch entgegenstellt. Ist Teil davon, oder ist da drin, aber es steht ja offensichtlich nicht Chianti-Klassico auf der Flasche. Genau, und deswegen werden wir diesen Grad mal erheben und sagen nochmal Prost. Natürlich.
Heiko 2:04:20
Ui.
Marcel 2:04:20
Ja, es geht. Weißt du, hast du was Lustiges?
Heiko 2:04:28
Heute habe ich wieder irgendwie… Der erste Nase… Ich hatte, glaube ich, das schon mal bei irgendeinem Wein. Das war so Käsefuß.
Marcel 2:04:34
Also Käsefuß, okay. Käsefuß.
Heiko 2:04:37
Das war so diese erste Nase, war irgendwie…
Marcel 2:04:40
Ja, also der stand auch wieder ein bisschen. Deswegen eigentlich ein bisschen sollte sich das gelegt haben. Ich fand den auch sehr schmutzig.
Heiko 2:04:50
Irgendwann, weiß ich nicht, werden wir eingesperrt für unsere Wein-Adjektive.
Marcel 2:04:56
Der hat auch dieses Kelle-Rigre, aber der hat auch was Kräuteriges, fand ich. Also finde ich…
Heiko 2:05:04
Aber ist das vielleicht eine bestimmte Art? Hat das Holz gesehen oder hat er kein Holz gesehen?
Marcel 2:05:11
Also ja, der hat Holz gesehen, aber eher gebraucht. Also kein Frisch. Nein, du kannst ja frisches Holz oder neues Holz nehmen. Dann hast du einen starken Holzcharakter oder du nimmst halt ein gebrauchtes. In dem Fall ist es sogar ein Barik. Das heißt dementsprechend ist schon ein bisschen mehr Holz.
Heiko 2:05:28
Okay, also das kann man schon so ein bisschen ausrichten. Ich bin nicht besonders gut im Riechen, haben, es gibt so bestimmte Sachen.
Marcel 2:05:36
Ich hatte hier zwischendurch, aber das finde ich gerade gar nicht mehr, so Zimt und Zucker sogar.
Heiko 2:05:42
Okay, nee, das kann ich nicht. Quitte? Sorry. Okay, probieren wir. Offensichtlich.
Marcel 2:05:50
Okay.
Heiko 2:05:54
Ui. Ui.
Marcel 2:05:57
Ja, lecker.
Heiko 2:05:58
Auch gar nicht, wie er riecht. Also nicht gar nichts, Quatsch.
Marcel 2:06:01
Genau. Spannend. Ich glaube, ich habe das zu dem davor nicht gesagt, aber der Wein davor wurde tatsächlich mit Füßen gestoßen.
Heiko 2:06:19
Da bist du nicht so gerochen.
Marcel 2:06:21
Ich glaube auch nicht.
Heiko 2:06:22
Dass dadurch das kommt. Das wär’s noch.
Marcel 2:06:26
Hä?
Heiko 2:06:27
Der ist ganz cool. Wir haben heute wirklich, wirklich, was heißt heute? Du suchst natürlich immer gute Weine aus, aber du weißt, was ich meine. Ich hab auch wirklich das Gefühl, ich neige auch bis zu italienischen Weinen, weil die Goethe haben mich ja auch sehr, sehr überzeugt.
Marcel 2:06:47
Also der, ich finde, der ist auf jeden Fall saftig.
Heiko 2:06:51
Ich hab die ganze Zeit überlegt. Saftig ist wirklich, auch wenn wieder keiner, der uns zuhört, weiß, was wir damit meinen, aber ich finde saftig ist wirklich eine treffende Beschreibung, ehrlicherweise. Der ist wirklich saftig.
Marcel 2:07:02
Der hat auch wieder ein bisschen was Pflaumiges, finde ich. Auch die Kirsche wieder. Pflaumig wieder ein bisschen Richtung Kalai. Wenn du jetzt Richtung Kalai letztes Mal denkst.
Heiko 2:07:09
Ja, vielleicht bringst du das nächste Mal mal so eine Pflaume mit. Ich esse echt nicht so oft Pflaume, ehrlich gesagt.
Marcel 2:07:16
Ja, okay. Dann essen wir mal Pflaumen aus der Dusche. Ich kann auch eine Frische mit trinken.
Heiko 2:07:26
Ich lasse das nochmal stehen, sonst habe ich wieder das ausgetrunken, bevor ich den nächsten trinke. Du siehst ja richtig, wie ich den weiter trinke die ganze Zeit.
Marcel 2:07:34
Der hat auch wieder diese Würze, der hat auf jeden Fall wieder auch die Tannine, die so da sind. Und der hat auch so eine frische Säure, wieder eine angenehme.
Heiko 2:07:41
Ja, voll angenehm. Die erschlägt einen nicht.
Marcel 2:07:46
14% Alkohol, auch nicht so wenig. Merkt man aber auch irgendwie nicht, finde ich. Also der ist jetzt nicht irgendwie gerade 13,5%. Und wir haben hier, wie ich schon sagte, fünf Rebsorten. Die sind Colorino, Fogliatonda, Mamolo, Sileggiogolo und Sangiovese.
Heiko 2:08:07
Ich lache nicht über deine Aussprache, ich lache wirklich, weil ich die noch nie gehört habe, ehrlich gesagt.
Marcel 2:08:11
Ich habe die vorher noch nicht gehört. Der Hintergrund ist da, dass die Winzerin, die das Ganze gemacht hat, auch einfach 300 autochtone toskanische Rebsorten ertestet hat oder in ihrer frühen Arbeit sich angeschaut hat und dementsprechend hat sie die dann später mitgenommen. Das heißt, das ist so ein bisschen ein Ergebnis aus dem, wie sie angefangen hat, Wein zu machen und hatte halt so alte Rebsorten wieder entdeckt und dann halt auch einige Lieblinge gewonnen und direkt, wo sie das Weingut bekommen hat, angepflanzt hatte. Und dementsprechend haben wir hier Teilen von der Cuvée, die halt nicht typisch ist, aber eigentlich schon auch wieder typisch, weil es ja dann wirklich Rebsorten sind, die eigentlich auch ursprünglich aus der Toskana kommen. Insofern eigentlich ganz spannend. Generell ist das wieder eine Winzerin. Wir hatten ja vorhin schon die erste Istine- Das Weingut Istine war ja auch eine Winzerin, jetzt haben wir eine Winzerin und zwar ist das Giovanna Morganti, die hatte angefangen bei ihrem Vater zuzuschauen, der ein berühmter Önologe auch war und sie hat seit Kindesalter ihn begleitet.
Heiko 2:09:15
Also auch das Gegenteil, aber von der von vorhin, die es heimlich machen musste.
Marcel 2:09:20
Ja, das war offiziell sozusagen. Der war technischer Direktor bei Sun Felice, und war die ganze Zeit da aktiv, war sehr bekannt und dementsprechend hat sie da was mitgenommen. Sie hat dann auch Önologie ganz offiziell studiert und hat dann da, wo ihr Vater arbeitet, gearbeitet und hatte da diese Forschung gemacht an den 300 autoktonen Rebsorten. Sie war dann lange Zeit Beraterin gewesen. Das hatten wir ja letztes Mal auch in Kalifornien schon gehabt, wo dann auch so einige Berater mal durchs Lande gezogen sind und mir einfach Weingütern geholfen hat und hat dann aber Ende der 80er Jahre von ihrem Vater so eine kleine Podere Olivenbäumen geschenkt bekommen. Und bevor du mich jetzt gerade fragend anschaust und wir das in der Goethe-Folge schon mal besprochen hatten, mit den verschiedensten, oder wir haben es nicht besprochen, aber ich habe da auch so, sowas wie Tenuta und so, aber wir reden gleich nochmal ganz kurz darüber, was das eigentlich für ein Hintergrund ist, weil in Italien heißt ja jedes Weingut dann doch irgendwie anders und Podere hast du wahrscheinlich nicht gehört. Und ich weiß auch nicht, ob es richtig ausgesprochen ist, ehrlicherweise. Sie hat das jedenfalls geschenkt bekommen, also so klassisch so ein bisschen Wein mit Olivenbäumen und hat dann halt diese Weinen, also die Rebsorten gepflanzt, die ich gerade erwähnt hatte und hat dann 1990 ihren ersten Wein gemacht. Das Weingut ist super klein. Wir haben gerade mal dreieinhalb Hektar. Also ich glaube, so klein waren wir nicht mal im Burgund gewesen. Aber sie ist auf jeden Fall auch sehr bekannt. Also die Weine kriegst du auch in New York in den besten Restaurants.
Heiko 2:10:50
Alle diese fünf Rebsorten hat sie auf diesem kleinen Gebiet dann auch angewandt.
Marcel 2:10:56
Generell auch Öko-zertifiziert. Wir sind wieder in der Nähe. Also wir haben auch gar nicht so oft den Ort Radar jetzt in Chianti verlassen. Wir sind immer noch in der Nähe davon. Das ist San Felice, das ist ungefähr eine halbe Stunde entfernt. Also schon, also ich glaube, Chianti ist sehr kurvenreich. Das heißt, das ist kilometermäßig gar nicht so weit entfernt, aber du brauchst ein bisschen dahin. So von der Produktionsmenge sind wir bei 18.500 Flaschen, also gar nicht so viel. Insofern eigentlich ganz cool. Das ist ihr Einstiegswein. Sie hat aktuell zwei Weine. Diesen, der kostet 26,50. Das ist nicht der günstigste, aber es gibt halt nur zwei von ihr. Das ist der Einstiegswein. Und dann gibt es noch Le Trame, was heißt die Intrigen, was wiederum, glaube ich, ganz gut passt zu Chianti und so weiter. Genau, und hat sich entschieden, das Chianti-Klassico bewusst hinter sich zu lassen. Sie macht wenig Intervention im Keller. Also es ist nicht jetzt der klassische Naturwein mit fast gar kein Schwefel, aber so von der ganzen Herangehensweise kann man schon eher sagen, es geht in die Richtung. Also, dass du vielleicht auch mal wiederum ein positives Erlebnis mit diesem Wort hast. und manche bezeichnen sie sogar so ein bisschen als Essenz der Toskana. Die erwähnten italienischen Weingutsbezeichnungen, Da kommen wir nämlich gerade wieder zurück zu diesem Podere. Das ist so ein bisschen wie so der Ursprung. Das ist eigentlich so ein kleiner Bauernhof. Das Wort stammt von Podere ab, was können bedeutet oder mehr so Vermögen im Sinne von, das kannst du machen. Und das ist eher so…
Heiko 2:12:30
Ja, ja, da kommt ja auch Latein, da kommt auch Potenz tatsächlich her.
Marcel 2:12:34
Ja, okay. Und das ist eher so, ja, du hast ja das Land dann damals gepachtet und dann das konntest du quasi… Du hast eine begrenzte Produktionsmenge, was jetzt eigentlich gut passt hier, ne, mit dreieinhalb Hektar. Dann gibt’s, vielleicht hast du das auch schon mal gehört, die Fattoria. Ist auch ein Begriff, der eher so in der Faskana beliebt ist.
Heiko 2:12:53
Ja, Fattoria.
Marcel 2:12:55
Hätte ich jetzt auch.
Heiko 2:12:56
Aber ich weiß jetzt, ich will jetzt auch gar nicht korrigieren, weil ich es jetzt auch nicht hundertprozentig.
Marcel 2:12:59
Das leitet sich dann von Fattore, dem Gutsverwalter ab, wo die Poderi wiederum Abgaben leisten mussten. Also das ist zwar die kleinste Einheit.
Heiko 2:13:09
So ein Lebenswesen und so, ja.
Marcel 2:13:10
Und das ist heute prinzipiell so ein bodenständiger Bauernhof, auch so ein Mischbetrieb mit Oliven und Wein und so. Genau, dann gibt es die Tinuta, die hatten wir jetzt schon relativ häufig.
Heiko 2:13:21
Das kennt man, das ist so sehr, sehr verbreitet.
Marcel 2:13:25
Das ist ein bisschen wirklich Besitz im weitesten Sinne. Also es ist ein größeres landwirtschaftliches Gut, was Landbesitz hat.
Heiko 2:13:32
Also wirklich so Großgrundbesitzer wahrscheinlich.
Marcel 2:13:35
Ja, genau. Und es kommt von Tenere halten. Also es geht wirklich um Innehalten von Land sozusagen oder Inhaben. Dann hatten wir ja nochmal die Kantina, die wir einmal versehentlich verwechselt. der Kooperative verwechselt hatten, genau. Was dann eher Fokus ein bisschen auf den Keller legt. Also das heißt ja Kellerei. Und wenn wir dann eine Kantine hatten, das hatten wir ja auch in der Folge bei Goethe gehabt, wo dann eher Cantina gesagt wurde, dann fokussiert man vielleicht auch eher ein bisschen auf diese handwerkliche Arbeit im Keller. Und dann gibt es auch noch andere Begriffe. Also es gibt wirklich viele Begriffe in Italien dazu. Es gibt auch das Castello, was wahrscheinlich dann wiederum ganz gut passen würde, Richtung Medici und oder was nicht, die ganzen Artliegen.
Heiko 2:14:20
Und vor allem passt es zu jetzt biege ich kurz, aber es passt zu Chateau in Bordeaux, weil Chateau ist tatsächlich, kommt vor allem im gleichen Wort wie Castello. Also das ist quasi Boucherburg und Schloss, das gleiche Lateinisch, nämlich Castello, gleiche Wort Ursprung.
Marcel 2:14:36
Und dann haben wir sowas wie die Accienda Agricola, was dann eher so ein landswirtschaftlicher Betrieb ist, was wir auch hatten in Goethe. Um jetzt mal einmal einen Überblick zu geben.
Heiko 2:14:44
Super spannend.
Marcel 2:14:45
Ganzen Weinbegriffe, ja. Und da wir ja gerade über die Tinuta schon gesprochen haben, kommt jetzt der sechste Wein ins Glas.
Heiko 2:14:54
Das ist von dem, wo wir auch der vierte Wein eben hatten. Ja, Tinuta di Calione.
Marcel 2:15:00
Und der Wein heißt Randagio aus 2021. Und diesmal haben wir keinen Sangiovese im Glas. Sondern… Cabernet Franc und Merlot.
Heiko 2:15:15
Also sehr, sehr typische französische Rebsorten.
Marcel 2:15:19
Ja, ich meine, ich hätte jetzt tatsächlich sogar noch mal einen Exkurs Richtung, es gibt auch sowas wie die Super Toskans, also so eine Art von Wein machen, auch in der Toskana, die ich jetzt nicht explizit anspreche, weil wir haben jetzt nicht die Super Toskans jetzt gerade im Glas, aber so vom Hintergrund her gab es auch so eine Tendenz, dann gerade Bordeaux wieder nachzumachen und auch die Rebsorten, wie du gerade richtig sagst, so aus der Ecke zu nehmen und dann tatsächlich Weine zu machen, die alle unter dem Radar, alle außerhalb dieser Tradition laufen als IGT-Weine.
Heiko 2:15:49
Das sind wirklich aber die Rebsorten, die dann in Italien aber auch wachsen, also die holen die nicht irgendwie fertige Trauben.
Marcel 2:15:55
Nee, nee, die werden dort angebaut. Also wie gesagt, das ist nicht die häufigste Rebsorte oder die Rebsorten, die dort angebaut werden, werden aber auch angebaut. Wie gesagt, haben auch einen Markt. Teilweise sind die sogar wiederum teurer als die klassischen, traditionsbehafteten Chianti, Montalcino und so weiter. Also die Super Tuscans, die gehen dann auch in die hunderte, plus tausende Euro hoch. Ja.
Heiko 2:16:17
Gut, das haben wir heute offensichtlich.
Marcel 2:16:19
Nee, wir haben Irlandagi und was? Der ist ein kleiner Stinker, oder?
Heiko 2:16:27
Ja, wobei der stand jetzt schon dabei, aber ich finde, das ist das, was ich im ersten auch schon ein bisschen gerochen habe, das, was du mit Stinker meinst.
Marcel 2:16:39
Also ich habe auch beim anderen dieses kräuterige, wiesige, finde ich, drin, aber auch wieder so ein bisschen dieses schmutzige, so ein bisschen.
Heiko 2:16:46
Ja, so ein bisschen kellerig, stallig, so ein bisschen in die Richtung.
Marcel 2:16:50
Was wiederum eigentlich ganz gut passt zum Cabernet Franc.
Heiko 2:16:53
Das haben wir häufig da gerade auch in Bordeaux.
Marcel 2:16:55
Den kennen wir wiederum sehr gut. Ja, von der Loa sonst, aber ja.
Heiko 2:17:02
Ja, probieren wir mal.
Marcel 2:17:03
Ja.
Heiko 2:17:08
Ui. Der schmeckt aber auch edel. Der schmeckt auch wirklich richtig gut. Hallo, der kann richtig was. Hä? Ich muss mich auch gar nicht entscheiden, was der bessere ist. Wow.
Marcel 2:17:26
Der ist wieder so sehr dunkelbeerig.
Heiko 2:17:28
Wollte ich gerade sagen.
Marcel 2:17:29
Das mag ich sehr.
Heiko 2:17:30
Diese dunklen Beeren finde ich schon…
Marcel 2:17:33
Aber ohne schwer zu sein. Der hat jetzt nicht so eine… Also jetzt, Kontext, so Kalifornien war schon immer schwerer.
Heiko 2:17:40
Ja, aber nee, das ist rund. Also was ist, schwerer kann auch rund sein, aber der ist, der fegt einen nicht vom Stuhl. Hä, der ist, hallo.
Marcel 2:17:54
Hat aber auch grobe eine Kantanine, ne?
Heiko 2:17:56
Hinten, der hat schon pelzig ein bisschen her auf der Zunge, das merkst du schon. Aber auch geil eigentlich.
Marcel 2:18:02
Wir haben jetzt hier, also das ist 13 Prozent oder 13,5% Alkohol und wir sind jetzt bei 16,90 Euro.
Heiko 2:18:10
Hä? Der? Krass. Hättest du jetzt heute Judgment of Highland wahrscheinlich wieder voll daneben gelegen, wenn du sagst, wie bei der letzten Folge.
Marcel 2:18:18
Was ist der teurere?
Heiko 2:18:19
Na gut, jetzt sind die nicht super weit auseinander, aber trotzdem. Aber es sind beide richtig, richtig stark.
Marcel 2:18:25
Der hat kein Holz gesehen.
Heiko 2:18:28
Nee, hat er nicht?
Marcel 2:18:29
Nee, Cementtank. Und das ist so ein bisschen der kleine, Giorcino. Also es gibt halt von diesem Weingut einen Wein, der quasi etwas höherpreisig ist und der dann 100% gewesen ist und das ist der kleine, kleine Variante davon.
Heiko 2:18:47
Ich finde auch, gerade diese Beere bleibt auch im Mund noch eine Weile. Gerade dieses Beerige. Aber ohne so marmeladig zu werden, das ist jetzt auch nicht marmeladig.
Marcel 2:18:58
Absolut geil, ne? Also das ist auch eins meiner Favorites. Also insofern, wir haben jetzt zweimal das gleiche Weingut gehabt und bei Beiben hast du gesagt, geil. Oder du hast was anderes gesagt, der kann was. Schmackofatz vielleicht. Schmackofatz, ich vergreife. Genau. Wir sind in Radar, wie ich vorhin schon erwähnt habe. Da waren ja beide Weine aus dem gleichen Ort. Wir haben ein großes Gebiet mit Olivenbäumen und davon 20 Hektar biologischen Weinanbau. Wir sind wieder ein bisschen höher, wir sind wieder auf 400 bis 150 Meter Höhe, haben Kalk, Stein und Schieferton im Boden. Und da, wo der Wein herkommt, sind die, also es ist so ein bisschen historisch, weil da die Ruinen von Castigioni sind, wo schon 1078 Wein gemacht worden ist. Also es hat ein bisschen Traditionen da. Aber wenn du jetzt vielleicht hörst, wem das gehört, ist das vielleicht jetzt eher ungewöhnlich, weil wir hatten die ganze Zeit nur italienische Namen. Und dieser Wein…
Heiko 2:20:06
Jetzt kommen entweder Japaner oder Amerikaner.
Marcel 2:20:08
Nee, dieses Weingut gehört der Linzer-Internehmensfamilie Egger. Wurde auch noch nicht lange, ist 2012 gegründet und wird geführt von Karl Egger den Dritten und Karl Egger den Vierten. Kann man sich Videos angucken, haben wir in den Show Notes auch drin. Der Vater von Karl Egger.
Heiko 2:20:29
Karl Egger der Zweite auf sich.
Marcel 2:20:31
Karl Egger der Zweite. War Weinfan gewesen, hat einen Weinkeller vererbt. Das hatte den Karl Egger III. fasziniert. Und so ein bisschen die klassische Story. Also ich meine, die tatsächlich, glaube ich, war die, ich hatte andere Weine, die ich heute nicht mitgebracht habe. Die finde ich auch toll. Brancaia zum Beispiel wäre auch eine Familie gewesen, die aus der Schweiz, glaube ich, kam und auch in der Toskana etwas gekauft hat. Auch tolle Weine. kann ich, wenn man jetzt bei Dila Levan zum Beispiel bestellt, wo es diese Weine gibt, kann man Brancaia auch einfach mal mitprobieren. Das wären auch so Fensterweinpreise. Die haben aber auch Chianti Classico. Ja, aber da war die gleiche Story so ein bisschen. Man fährt in die Toskana in den Urlaub, verliebt sich in die Region und kauft dann einfach ein Anwesen. Weil man es…
Heiko 2:21:14
Was man so macht. Kann.
Marcel 2:21:17
Genau. Aber generell…
Heiko 2:21:20
Portel, sag ich nicht.
Marcel 2:21:21
Ja, genau. Generell gibt es da sehr viel Ambition und Motivation und die machen halt, wie man ja merkt, im Glas richtig coole Weine. Die gibt es noch nicht so lange, seit 2015 gibt es die Weine und derjenige, die die Weine macht, ist wiederum aber eine Instanz auch in der Toskana mittlerweile und zwar Sean O’Callaghan. Das ist wiederum auch kein typischer toskanischer Name.
Heiko 2:21:43
Okay, da sind also eine Firma aus Linz, die mit irgendeinem Fischotten oder so richtig geilen italienischen Wein macht mit französischen Rebsorten. Fieße ich richtig geil.
Marcel 2:21:51
Pass auf, es ist ein Brite, der in Sri Lanka geboren ist.
Heiko 2:21:56
Ja gut, ist ja Schottel.
Marcel 2:21:57
Er war in Sri Lanka geboren.
Heiko 2:21:58
Achso, oh.
Marcel 2:21:59
Genau, ist dann irgendwann wieder zurück nach England und hat in Südengland bei seinem Onkel in Somerset, das ist so ein bisschen südlich, also nicht ganz die Ecke Devon, aber so ein bisschen im südlichen Teil, hat er da einfach Weingärten kennengelernt und seitdem sozusagen so eine faszinierte Begeisterung für Weine.
Heiko 2:22:16
Wie berühmten Weingärten von Südengland.
Marcel 2:22:19
Vielleicht müssen wir auch mal Englisch Wein trinken. Oder vielleicht was anderes aus England. Ja, Sean O’Callaghan, hat in Deutschland studiert.
Heiko 2:22:33
Ach, das ist wirklich ein absoluter Patchwork, mein. Richtig geil, richtig cool.
Marcel 2:22:40
Hat in Deutschland auch beim Schloss Gudiel, hat sich da um Riesling gekümmert, so die ersten Jahre, wo er jung war. Ist dann später in die Toskana gegangen, hat da 20 Jahre den Stil von Lerissin oder so, weißt du, das war ihn gut geprägt, auch kennt man als Namen in der Toskana und ist in der Szene bekannt als, Il Ghercho, der Einäugier. Also wenn du aufs Cover…
Heiko 2:23:05
Ja, ich sehe das Etikett, da ist ein Hund, was ist denn das? Ein Boxer? Ein Boxerhund ist das? Ich kenne mich jetzt mit Hundespezies. Mit einem, es sieht auch erstaunlicherweise aus wie so ein englischer Oipunk oder so. Mit so einem Melonenhut und einer Augenklappe. Und ganz vielen so Ska-Punk-mäßigen, Schachbrettmuster.
Marcel 2:23:30
Ja, okay, mit Punk. Das ist mir vorhin gar nicht aufgehört. Das ist er quasi.
Heiko 2:23:37
Er ist dieser Hund. Der einäugige Hund.
Marcel 2:23:41
Und ist so ein bisschen der Sangu-Vese-Magier aus der Region. Also er hat auf jeden Fall einen eigenen Sangu-Vese-Stil und ist auch international bekannt.
Heiko 2:23:52
Wie gut, dass wir von ihm jetzt einen Cabernet-Frauen-Merlot trinken. Achso, der ist aber auch von ihm.
Marcel 2:23:58
Beide sind ja von ihm und ich der andere war ja der Schmackofatz. Genau. Also das war unsere Freiheitssektion.
Heiko 2:24:07
Hat mir beides richtig, richtig gut gefunden. Richtig gut gefallen. Und ich finde vor allem auch, gerade eben diese, Patchwork-Geschichte, finde ich so, ja, du musst dir vorstellen, da kommt ein in Sri Lanka geborener Engländer, der in Deutschland studiert, jetzt spezifisch bei diesem Wein, kommt der nach mit französischen Rebsorten, und macht einen Wein in Italien von einem Besitzer, ist das Österreich? Und da kommt sowas Geiles, was halt auch irgendwie zeigt, wie geil das sein kann, wenn du so divers einfach sein kannst und nicht so irgendwie einfach, ja, wir machen das seit 200 Jahren immer dasselbe und deswegen muss das so gemacht werden. Wir sind divers, wir probieren das aus und so. Finde ich richtig gut. Aber ja, vor diesen beiden sehr, sehr, sehr guten Weinen haben wir ja verfolgt, wie die Medici mit Giovanni über das Bankwesen aufstiegen und der Cosimo die Republik dann faktisch kontrollieren und unter Lorenzo zwar kulturell glänzen, aber ihre Macht dann erst einmal wieder verlieren. Nach Exil, politischen Umbrüchen und mehreren Päpsten aus den eigenen Reihen kehren sie schließlich aber nach Florenz zurück. Jetzt aber nicht mehr als bloße einflussreiche Bürger, sondern wirklich auch nicht nur auf dem Papier, sondern de jure wirklich als erblich legitimierte Herzöge und auch später Großherzöge der Toskana. Also ist so ein bisschen aus den informellen Machthabern im Hintergrund wirklich eine dynastische Fürstenherrschaft jetzt einfach geworden. Also politisch sind die Medici nicht nur zurück, sondern eigentlich auf dem Höhepunkt ihrer politischen Stellung.
Marcel 2:25:32
Warten wir ja mal ab, ob das heutzutage auch wieder, also ich meine, das ist ja…
Heiko 2:25:35
Nee, die heutzutage herrschen dann nicht mehr die Medici, wenn du das…
Marcel 2:25:38
Nein, aber ich meine so dieses, ich meine das ja, also das war ja jetzt quasi eine Story, man kommt, weil man Geld hat und wird dann zu einer Dynastie.
Heiko 2:25:46
So meinst du das.
Marcel 2:25:47
Ja, ja, ja. Also, ja.
Heiko 2:25:48
Hast du ja, genau, ja, genau. Irgendwie sind das Mechanismen, die bei uns heute auch nicht unbekannt sind, das stimmt. So oder so, was passt ja eigentlich auch dazu, wirtschaftlich hatte, ich hab’s schon erwähnt, bereits zuvor, sowohl in Florenz als auch in weiten Teilen Italiens tatsächlich so einen schleichenden Niedergang eingesetzt. Die Stellung im Handel, vor allem eben was Wolle und Seide angeht, was ja schon neben dem Bankwesen eben auch ein Kern des Reichtums war, den haben sie verloren aufgrund auch einfach so, ja, auch klassische kapitalistische Mechanismen, so ein zunehmender Konkurrenzdruck, vor allem aus Nordeuropa, England, Flandern, die bauen ihre eigene Tuchindustrie auf, Handelswege verlagern sich, Medici-Bankwesen, wie gesagt, war zu diesem Zeitpunkt faktisch bereits eh untergegangen aufgrund dieser Misswirtschaft oder der falschen Kredite, die man da gegangen hat. Also dann kann das einfach schnell gehen und wurde dann so ein bisschen durch andere Finanzakteure ersetzt. Und es ist kein Zufall, dass wir in genau dieser Phase auch den Aufstieg einer anderen großen Unternehmerfamilie beobachten. Hast du bestimmt vielleicht auch schon mal gehört, die Fugger. Das ist so ein Name, der dann quasi vor allem dann im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert so als führende Macht im europäischen Finanz- und Handelswesen.
Marcel 2:26:55
Aber nicht Italien, das war anders.
Heiko 2:26:56
Also Augsburg ist das vor allem. Aber sie sind natürlich in ganz Europa dann schon so ein bisschen…
Marcel 2:27:03
Waren die nicht in den Weber-Aufständen? Oder woher kennt man die Fugger?
Heiko 2:27:08
Generell, also die haben vor allem viel durch so Montan-Investitionen so in Bergbau und so weiter gemacht, aber dann auch eben Finanzwesen. Also die haben so ganz, ganz vereinfacht gesprochen, so ein bisschen die wirtschaftliche Rolle eingenommen, die zuvor eben Medici und italienische Familien wie die Medici eingenommen haben. Aber ja, wie gesagt, das nur am Rande, Das soll uns heute nicht beschäftigen. Vielleicht machen wir irgendwann eine Folge über die Fugger.
Marcel 2:27:30
Ja, irgendwas klingelt bei mir. Manchmal gibt es ja so Momente, wo man irgendwie so eine Phase…
Heiko 2:27:35
Ja, also du wirst keinen Geschichtsunterricht in Deutschland ohne die Fugger wahrscheinlich gehört haben. Die florentinischen Eliten zogen aus dieser Entwicklung aber so eine klare Konsequenz. Handel und Bankwesen, die boten jetzt keine verlässliche Grundlage mehr so für langfristige Sicherheit. Jetzt investiert man also stattdessen in das, was irgendwie dauerhaft gilt. Land. Du hattest es eben, Großgrundbesitz, Tinuta und so weiter. Die im Zuge der italienischen Kriege jetzt verwüsteten Ländereien, die wurden zurückgewonnen, neue Bauernhöfe gekauft, so wohlhabende Familien, die verbrachten jetzt so lange Sommer auf ihren Landgütern in der Toskana fernab, zum Beispiel natürlich von Epidemien, der Pest, aber auch von politischen Unruhen, städtischen Verpflichtungen. Und so konnten sie auch die Ernte viel besser im Auge behalten, Getreide, Olivenbäume und eben auch, was bauen sie da wohl noch an?
Marcel 2:28:19
Wein.
Heiko 2:28:19
Richtig, Wein, Weinreben, die jetzt an Umfang und auch an Bedeutung zunehmen. Und jetzt rücken eben, so schließt sich der Kreis wieder, jetzt rücken langsam die Weinfenster wieder in den Weg. Aber um deren Entstehung zu verstehen, müssen wir nochmal so ganz kurz ein paar Jahrhunderte zurück. Denn die florentinischen Kaufmannsfamilien, die hatten relativ früh entdeckt, dass sich Wein aus eigenen Beständen sehr, sehr profitabel verkaufen lässt. Bereits, ich hatte es erwähnt, seit 1288 waren eben alle Winzer, Weinhindler und Weinverkäufer und so weiter in dieser Zunft organisiert, der Arte della Vinatieri. Und an sich durften auch nur offizielle Winzer mit Wein handeln. Aber es gab eine entscheidende Ausnahme. Weinbergbesitzer durften Wein flaschenweise verkaufen, wenn die Trauben a. von ihrem eigenen Land stammten und b. sie ausschließlich von ihrem privaten Wohnsitz ausverkauften. Und das war aus einem anderen Grund besonders attraktiv. Wir hatten diesen Barille, wir hatten diese Weinsteuer, die sehr, sehr, sehr zentral auch für den Aufschwung war und wichtig für Florenz und entsprechend auch kontrolliert und bepreist. Aber Wein, der für den privaten Weinkeller einer Familie bestimmt war, der unterlag nicht dieser Steuer. Also vereinfacht dargestellt hieß das, man produzierte auf seinem eigenen Land Wein, transportierte den quasi als Eigenbedarf, wenn man so will, in den privaten Keller und verkaufte dann ganz legal den Wein von dort flaschenweise. Also wie so ein Steuerschlupfloch eigentlich.
Marcel 2:29:46
Aber du musstest einmal bezahlen, wenn es in der Stadt nicht…
Heiko 2:29:48
Ne, eben nicht. Wenn du sagst, wenn das für den Eigenbedarf, wenn du sagst, das ist mein Wein für meinen Keller, den will ich nicht verkaufen, dann musstest du nicht, der wurde nicht versteuert. Und dann konntest du den natürlich aus deinem eigenen Haus, weil das war wiederum erlaubt, kannst du den dann flaschenweise, aber auch nur flaschenweise wiederum verkaufen. Also das war sehr, sehr profitabel.
Marcel 2:30:03
Okay, das macht dann ja total Sinn.
Heiko 2:30:04
Genau, und deswegen war das, floriert das dann natürlich auch, weil das ist natürlich super, eine super Einnahmequelle.
Marcel 2:30:13
Was floriert in Florenz?
Heiko 2:30:14
Was floriert in Florenz? Das war nicht mal mit Absicht. Pannen hat Antenne, das war nicht mal mit Absicht. Im Mittelalter war das auch noch recht leicht umzusetzen. Die Erdgeschosse florentinischer Häuser, die bestanden so mit so großen Bögen, offenen Lodgien, Werkstätten, Lagerräume. So der Verkauf gehörte selbstverständlich zum Straßenbild. Die aristokratischen hier dieser Zeit, die waren eben vor allem Kaufleute, ist klar, und sie verkauften eben dort ihre wahren Stoffe, Wein, was auch immer. Ich habe mal ein Foto, das ist das nächste Bild in der Galerie vom Palazzo da Vanzati mitgebracht. Da kann man das noch so ein bisschen erkennen. Heute kann man das eben nicht mehr, das wurde halt viel natürlich verändert über der Jahrhunderte, aber man erkennt vielleicht auf diesem Bild, du siehst das unten, das Erdgeschoss, das mittlerweile verschlossen ist. Man erkennt aber immer noch so mit diesem Holz, also über dem Holz noch diese ursprüngliche Bogenstruktur, wenn du da mal ein bisschen… rein. Und das musst du dir halt offen vorstellen. Daraus wurden dann quasi alles verkauft, was diese Kaufmannsfamilien eben so verkaufen.
Marcel 2:31:11
Aber wo meinst du jetzt? Also da unten, die großen Türen haben ja Bogen.
Heiko 2:31:14
Genau, genau, diese Bögen. Aber du musst dir die Türen, das war alles offen. Das waren offene Bögen, wo du ganz einfach verkaufen konntest. Genau da aus diesen Bögen raus. Das war sehr, sehr frei zugänglich.
Marcel 2:31:24
Aber das ist ja sehr groß. Die anderen waren ja sehr klein.
Heiko 2:31:27
Das sind noch keine Weinfenster.
Marcel 2:31:30
Das ist der Ursprung.
Heiko 2:31:30
Genau, das war im Mittelalter, war das noch super einfach. Genau darum geht es jetzt. Du konntest aus diesen großen Bögen, da bist du halt reingegangen und hast halt einfach deine Sachen verkauft, beziehungsweise gekauft in dem Fall. Das ändert sich dann aber eben im Laufe der Zeit und dann vor allem in der späten Renaissance, weil sich die Architektur ändert. Die großen Familien beginnen jetzt, ihre Häuser so als monumentale Palazzi zu errichten. Es sind dann geschlossene Fassaden, massive Türen, es gibt eigentlich kaum noch Öffnungen. Diese Gebäude sollen Sicherheit ausstrahlen oder Sicherheit erstmal geben, aber sollen dann auch Würde und Distanz ausstrahlen. Das ist das, was du am Anfang auch gefragt hast, warum macht man das überhaupt so anonym? Es wird plötzlich auch irgendwie ein bisschen en vogue, so ein bisschen distanzierter, das gehört irgendwie zum Lifestyle dazu. Fremde leistet man eben nicht einfach mehr so ins Haus, es ist vielleicht auch unsicherer geworden und von dieser neuen Architektur habe ich auch exemplarisch ein Bild mitgebracht und zwar vom Palazzo Strozzi und du siehst, im Prinzip ist das jetzt eigentlich nur noch ein großer, geschlossener Steinklotz, wenn du dir das anguckst.
Marcel 2:32:28
Ja, sieht so ein bisschen aus wie Berlin-Mitte, dieses Monumental, dieses, ja wie soll ich sagen, einfach dieses, nicht persönliche. Genau, es ist distanziert.
Heiko 2:32:40
Es ist zu, und das ist wirklich, wenn du so, du warst jetzt noch nicht in Florenz, das sind so diese typische Renaissance-Palast, weil man denkt immer, wenn man sagt so ein Palast, da denkst du natürlich eigentlich an was anderes, aber das ist tatsächlich ganz typisch, auch der Medici-Palast, das sind einfach diese völlig geschlossenen Steine, Das war da einfach der Stil, der architektonische. Und so Keller waren jetzt nur noch so vom Flur oder vom Innenhof zugänglich. Sie erhielten so Licht, so wie heute eigentlich, durch Fenster und Schlitze so ein bisschen auf Straßenebene. Das kennt man ja auch heute aus Kellern. Das heißt, manchmal waren die da auch so ein bisschen verdeckt. Da war dann vielleicht so eine Bank oder so noch davor. Natürlich konnte man so auf einer Leiter stehend, so als Kellermeister so Flaschen und Krüge dann so an Passanten weiterreichen, die sich dann wiederum auf den Boden hocken müssen und so ein bisschen herumkrabbeln müssen. und dann bezahlen oder Empfang nehmen. Also das funktioniert zwar irgendwie, aber das ist natürlich nicht besonders, also das ist umständlich. Die dauerhafte Lösung war dann also, man schnitt einfach so eine kleine, eben genau Flaschengröße, Öffnung direkt in die Außenwand dieser Steinfassade des Palastes und damit die Bukette del Vino, diese, Bukette del Vino, diese Weinfenster eben geboren.
Marcel 2:33:48
Okay, dann waren die wirklich dafür?
Heiko 2:33:51
Exakt genau dafür, weil es war halt schon vorher üblich, Wein zu verhandeln, weil es lohnt sich halt. Du hast ein Weinberg, den du eh auf deinem Land hast und es ist erlaubt, wenn du den hast, du kannst den steuerfrei einführen, Hast du den in deinem Keller, weil in Anführungsstrichen Eigenbedarf, und darfst den aber in Flaschen, wenn du den abfüllst, verkaufen und damit Profit machen. Das war vorher da, aber jetzt verändert sich die Architektur. Du willst irgendwie weiterverkaufen, weil es ist halt profitabel. Also schneiden sie sich jetzt, das ist natürlich jetzt nicht irgendwie von heute auf morgen, das ist eine Entwicklung, aber schneiden sie sich sozusagen dann diese Öffnung in den Stein. Also schneiden, also sie lassen diese Öffnung im Stein. Spätestens jetzt fängt wirklich der private Verkauf eigenen Weins wirklich an zu, jetzt sag ich es wieder, florieren. Jetzt kann ich, ich hab’s gar nicht mit Astrid, jetzt hast du mir diesen Florieren-Floh ins Ohr gesetzt.
Marcel 2:34:40
Mit Floral, den Wein mit Floral.
Heiko 2:34:41
Genau, genau. Und jetzt steigen auch andere ein. Zum Beispiel gibt es wirklich Aufzeichnungen von einem Waisenhaus, das einen Weinberg im eigenen Innenhof pflanzt und die Kinder aus diesem Weinhaus, die helfen da auch mit beim Weinbau, um dann einfach ganz bewusst überschüssigen Wein profitabel aus ihrem Weinfenster aus zu verkaufen.
Marcel 2:34:58
Also was die Kinder dann nicht selber getrunken haben.
Heiko 2:35:00
Überschüssig. Wenn sie krank waren, vielleicht. Unter Francesco de‘ Medici, das ist der Nachfolger seines Vaters Cosimo, dann als Großherzog der Toskane, da wird das Ganze dann deswegen so ein bisschen geordnet, weil er erkennt einfach, da passiert was, das ist lukrativ, ich muss das irgendwie auch gesetzlich jetzt mal festlegen, was da vielleicht bisher halt einfach irgendwie so dahin läuft. Am 4. Oktober 1574, also wir sind jetzt im 16. Jahrhundert, lässt er die sogenannte Salzreform, das ist eigentlich, wie gesagt, Salzreform und nicht Weinreform, das ist grundsätzlich eine Steuerreform, die mehr oder weniger maßgeblich für alles, was irgendwie Steuerrecht in den nächsten Jahrhunderten, in der Medici-Zeit relevant ist. Und die behandelt aber eben auch den Weinhandel. Und er verbietet jetzt nochmal explizit den Verkauf von Wein in Mengen, die kleiner als eine Flasche sind. Also klar, in einer Taverne darfst du dein Glas bestellen, aber wirklich so Weinhandel darfst du nicht kleiner als eine Flasche verkaufen. Und er bestätigt auch nochmal, dass der Verkauf in den eigenen Häusern stattfinden muss und der Wein auf ihrem Gut oder zumindest von ihnen verwalteten Gut hergestellt werden muss. Um halt zumindest nicht so irgendwie anderen Betrug zu ermöglichen.
Marcel 2:36:06
Großgrundbesitzer von Florenz.
Heiko 2:36:08
Ein Jahr später, am 11. Oktober 1575, verschärft Francesco das nochmal, weil es gibt eine Weinverknappung, es gibt Missernte, daraufhin steigt der Preis und so weiter, deswegen macht er nochmal eine Proklamation. Schwieriges Wort. Privatleute dürfen Wein nur verkaufen, wenn die Trauben auf eigenem Land geerntet wurden. Der Verkauf von eigenem Wohnsitz aus, wo die Familie auch wirklich lebt, erfolgt. Aber jetzt auch nur noch, solange der Verkauf in Florenz oder Pisa stattfindet. Also er versucht das nochmal zu limitieren auf zwei Städte, was irgendwie zeigt, dass sich diese Form des Weinverkaufs mittlerweile auf die ganze Toskana ausgeweitet hat. Man kann wirklich deswegen auch, also klar, der Fokus ist, aber ich hatte es am Anfang gesagt, man findet in der ganzen Toskana solche Weinfenster und er reguliert das jetzt und sagt so, nee, Moment mal, weil ich will ja auch vielleicht Steuern einnehmen, du kannst natürlich einfach überall, wo du bist, irgendwie mal eben dein Wein aus den Häusern, aus den Fenstern so verkaufen. Jetzt springen wir rund 100 Jahre weiter. Wo sich so ein bisschen die Kehrseite des Erfolgs zeigt. Und jetzt ist so ein bisschen das, was du vorhin auch mit Fensterwein und so weiter gemeint hast. Der attraktive Direktverkauf hat natürlich die Produktion angekurbelt, weil plötzlich alle das irgendwie gemerkt haben, ja ist geil, da kann ich ohne Steuern zu bezahlen ordentlich Profit machen. Aber eben natürlich vor allem dann an Quantität und nicht an Qualität zugenommen hat. Im frühen 17. Jahrhundert wurden Weinreben massiv gefördert, Getreideanbauer geht zurück, man pflanzt auch an weniger geeigneten Flächen, auch das kommt uns irgendwie bekannt vor. Wir hatten es vorhin schon in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg und so weiter in unserer zweiten Folge. Also ich finde es eigentlich generell, wir hatten es auch mit den Flaschentypen vorhin, ich finde es interessant, wie wir so ein paar wiederkehrende Motive immer haben. Egal in welcher Zeit, egal in welchem Land wir uns bewegen, es ist schon irgendwie, es gibt immer Parallelen so ein bisschen. Also auch hier, Anbaufläche wächst enorm, überall wird irgendwie angebaut, aber das Ergebnis ist eben viel Wein, aber eben niedrige Qualität, hauptsächlich für den lokalen Konsum, dieser Alltagswein, wie du es ja auch vorhin genannt hast, oder von mir aus Fensterwein. Währenddessen aber in dieser Zeit exportieren andere Länder schon, vor allem natürlich Frankreich, Bordeaux, das ist schon in einer Zeit, wo das schon auch anfängt, exportieren die bereits hochwertige Weine in ganz Europa, in alle Länder und das sieht Cosimo III. Er will das ändern und er sagt, wir haben doch auch geilen Wein hier theoretisch. Da erkennt, da ist irgendwie Lukrativität hinter, wenn man Qualitätswein exportiert und während seiner Regierungszeit 1670 bis 1723 mittlerweile schon, also wir sind inzwischen im 17. Jahrhundert, fördert er wirklich gezielt die Auswahl von Rebsorten zur Qualitätssteigerung, beginnt mit so landwirtschaftlichen Betrieben in seinem Großherzogtum eben und fördert auch landwirtschaftliche Abhandlungen und Studien und so weiter zum Weinanbau und in dieser Zeit entsteht, bezeichnenderweise auch, weil das zeigt auch so ein bisschen, das sind die Verbindungen zu Wein, die man in der Zeit noch mehr mehr bekommt, in dieser Zeit entsteht ein Gedicht von Francesco Redi, das sehr sehr, Jetzt nicht bekannt im Sinne von jetzt in der Schule oder so, aber halt so gilt als aus dieser Zeit.
Marcel 2:39:04
Nicht in der deutschen Schule.
Heiko 2:39:05
Genau, das heißt Bacchus in der Toskana. Und Bacchus, das ist natürlich auch für uns hier im Podcast kein Unbekannter. Und in diesem Gedicht kommt Bacchus jetzt in die Toskana. Also der Gott des Weines ist der alte Römische, der kommt in die Toskana, kostet die ganzen toskanischen Weine, eine nach dem anderen, folgt dabei so sorgfältig einer Karte der Toskana, geht dabei durch und sagt, ich probiere mir jetzt den, probiere mir jetzt den, ich lasse keinen aus. Er wechselt dabei so mit zunehmendem Genuss auch mal so Begriffe. Er verwechselt die Städte, er redet auch betrunkenen Unsinn. Also es ist ein komisches Gedicht. Also es ist auch ein ganz langes Gedicht, haben wir jetzt auch nicht alles davon gelesen. Aber es ist bewusst so ein komödiantenhaftes Gedicht, was sehr, sehr erfolgreich in der Zeit war, weil er einfach während er weiter trinkt, betrunkener wird der Bachhaus und deswegen auch immer wieder Unsinn redet. Aber so am Ende kommt er dann schwankend mit so erhobenen Becher zu seinem Urteil. und zwar sagt er Montepulciano ist der König aller Weine, also nachdem er alle toskanischen Weine probiert hat, der aus Montepulciano, du hattest ihn vorhin glaube ich erwähnt, der Nubile de Ja.
Marcel 2:40:08
Ja, genau. Na toll, den haben wir heute nicht dabei.
Heiko 2:40:11
Ausgerechnet den König aller Weine laut Bacchus in der Toskana von einem toskanischen Autor, wer hätte es gedacht, kommen wir nicht. Aber ja, das fand ich irgendwie ein ganz interessantes Side-Note und um unserem, ich sag mal, Spin-Off-Gedichte im Glas nach unseren Goethe-Folgen nochmal so ein bisschen angemessen Rechenschaft zu leisten. Vielleicht nochmal ganz kurz in deutsche Übersetzung so der ganz kurze Abschnitt dazu. Barrus, also Redi sagt er. Und in Ekstase versetzt trete ich nun hervor in sichtbarer Gestalt. Darum höre jeder, der den Namen des Lleos ehrfürchtig verehrt, dieses allerhöchste Dekret, das Bassarius verkündet und schenke ihm Glauben. Montepulciano ist der König aller Weine und Lius und Passarius sind aber einfach Beinamen von Dionysos bzw. eben Bachos, Aber ja, also ich fand es einfach nett, weil wir in der ersten Folge so über Bacchus gesprochen haben. Deswegen jetzt kurz zurück zum eigentlichen Thema. Denn jetzt kommt das Spannende.
Marcel 2:41:08
Also der Punkt mit, wir haben vorhin glaube ich schon kurz erwähnt, aber Montepidziano ist einfach eine Stadt in der Toskana und es gibt aber auch eigentlich die Rebsorte, die damit überhaupt nichts zu tun hat.
Heiko 2:41:16
Die auch gar nicht in der Toskana ist.
Marcel 2:41:17
Hattest du mir erzählt.
Heiko 2:41:19
Aber jetzt kommt das eigentlich Spannende und auch für dich Spannende. Im Jahr 1716, also ich hoffe, du fandest es auch vorher spannend. Ich meine jetzt auch, also du wirst gleich wissen, was ich meine.
Marcel 2:41:28
Ich gucke jetzt gerade auf diese Karte nochmal, die wir vorhin hatten, da steht nämlich auch 1716.
Heiko 2:41:33
Genau, im Jahr 1716 erlässt Cosimo III. jetzt eine Verordnung, in der er die für die Herstellung von Qualitätswein geeigneten Gebiete festlegt. Und zwar explizit, und zwar Chianti, Pomino, Valdano di Sopra und Caramigiano. Caramigiano. Jetzt weiß ich selber gerade nicht ganz wie es aussprechen. Und Chianti, das ist das, was du vorhin meinst, das ist erstmal dieses Kernland. So, eine bestimmte Herkunft eines Wein ist, zur Qualitätssicherung, das kommt uns vielleicht auch irgendwie ein bisschen bekannt vor. Genau. Ich dachte, du sagst noch ein bisschen mehr dazu.
Marcel 2:42:05
Also das war ja vorhin das Kernland da gewesen, da kommt das mit den 1716.
Heiko 2:42:09
Was ich meine ist, dass im Prinzip ist das, diese Verordnung wahrscheinlich die erstgeschützte Ursprungsbezeichnung für Wein auf der ganzen Welt. Und das über 200 Jahre vor der AOC in Frankreich, die wir jetzt auch in den letzten Folgen immer wieder hatten.
Marcel 2:42:25
Aber du hast jetzt gar nicht so dieses Raubkopiererei-Thema.
Heiko 2:42:30
In dem Fiel ging es wirklich tatsächlich, also vielleicht, es hängt ja miteinander zusammen, genau, also es geht um Qualitätssicherung und ein bisschen um zu fördern, so wir haben doch hier irgendwie was Gutes, das hängt wahrscheinlich miteinander zusammen.
Marcel 2:42:40
Ja, ja.
Heiko 2:42:42
Also und was man auch dazu sagen muss, so ganz offiziell streiten sich wohl so mehrere Länder um diesen Titel, erste Ursprungsbezeichnung, 1716, Chianti sagt, wir waren es, Portugal sagt zum Beispiel Durotal, da gibt es nämlich 1756 eine Verordnung und auch Ungarn sagt, 1730 schon haben wir Tokaja klassifiziert. Also rein zeitlich war es wohl in der Tat, Chianti, aber es kommt wohl so ein bisschen darauf an, welche Kriterien man anlegt. Weil es ist jetzt nicht dieses nach heutigen Maßstäben sozusagen.
Marcel 2:43:12
Also ich meine, genau, wir hatten es ja vorhin, die eigentliche Festlegung auf geschützt und kam ja erst in den 80ern.
Heiko 2:43:19
Aber trotzdem sagt man so ein bisschen.
Marcel 2:43:20
Wenn es da mehrere Zwischenstufen gab.
Heiko 2:43:22
Genau, und trotzdem sagt man so ein bisschen, es sind zumindest die ersten Vorläufer von dem, was man heute als Herkunftsbezeichnung kennt und das finde ich schon spannend. Und Cosimo der Dritte, der war sich eben offensichtlich dieser Bedeutung auch von Ursprungsbezeichnungen, gerade mit Hinblick auf Export und Qualitätsprodukten und so weiter bewusst. Und er wollte die Qualität schützen und die Toskana einfach auch auf dem internationalen Markt so positionieren. Aber, und jetzt kommt ein bisschen die Ironie, diese Bukette sind einfach Teil des Problems. Weil im 18. Jahrhundert kommt es weiter zu einem Anstieg der städtischen Weinfestren. Das System funktioniert einfach zu gut. Es ist einfach voll darauf ausgerechnet, einfach schnell und lokal für den Konsum zu verkaufen und jetzt nicht irgendwie für Qualität und Export zu sorgen. Und sicher nicht geholfen hat dann das am 25. Juni 1772 wiederum der Großherzog Pietro Leopoldo ein Dekret über die Freiheit des Weinverkaufs erlassen hat und damit, wie der Name schon sagt, wahrscheinlich den Weinverkauf eben buchstäblich komplett liberalisierte. Kurzer Kontext, mittlerweile regieren nicht mehr die Medici, die sind nämlich 1737 ausgestorben.
Marcel 2:44:27
Ausgestorben, okay.
Heiko 2:44:29
Wahrscheinlich gab es irgendwelche, irgendwo wird es schon nicht die gesamte Familie.
Marcel 2:44:32
Es gab keinen neuen Cosimo mehr.
Heiko 2:44:33
In der herrschenden Dynastie gibt es keinen männlichen Nachfolger mehr sozusagen. Wahrscheinlich hat es irgendwo einen entfernten Cosimo oder so weiter gegeben. Aber jetzt herrscht eben wirklich das Haus Habsburg-Lothring, also wirklich die Familie des Kaisers selbst, die dem vorher quasi das gegeben hat, mehr oder weniger nach der Belagung der Medici, herrscht jetzt selber. und Pietro Leopoldo, Peter Leopold tatsächlich ist einfach der italienische Name des späteren Kaisers Leopold II. des Heiligen Römischen Reiches. Und in seinem Dekret, Motu proprio heißt er so, ich habe aus eigenem Antrieb das gemacht, da verfügt er, dass Weine in Flaschen überall in der Stadt Florenz steuerfrei verkauft werden können, unabhängig davon, ob sie jetzt auf einem eigenen Weingut produziert oder gekauft werden. Und auch das, also keine Ahnung, warum er das gemacht hat, aber das sorgt natürlich erstmal dafür, dass man jetzt natürlich nicht ausschließlich, aber eben doch relativ eher ein Fokus so auf Massenwaren für den lokalen Gebrauch in der Toskana produziert, weil das ist einfach, es lohnt sich einfach. 1825, wir nähern uns dem Ende, wendet sich daher dann auch der Ökonom Pietro Ferroni an die Landbesitzer und weist sie darauf hin, dass sie mehr Zeit und Geld in ihre Ländereien investieren müssen. Er bemängelt, Zitat, die Eigentümer verkaufen den Wein sofort aus dem Fass oder einfach an Stadtbewohner durch den berühmten Kellerfenster, ohne sich die Mühe zu machen, den Wein zu lagern oder mit Geschick zu veredeln, um ihn wertvoller und von besserer Qualität zu machen und so dem Beispiel der renommiertesten europäischen Weine zu folgen.
Marcel 2:45:56
Da bezieht er sich dann wahrscheinlich auf Burgund.
Heiko 2:45:58
Ich denke auch Bordeaux, also wirklich französische Weine, die in der Zeit wirklich schon angefangen haben, so der Exportschlag auch drin, um in Europa zu werden. Aber in dieser Zeit eben, auch Ende des 1900s, fällt generell dann der schleichende Niedergang dieser beiden Fenster. Der erste Schlag kommt zwischen 1865 und 1871, als Florenz vorübergehend Hauptstadt des neuen, nun vereinigten Königreichs Italiens wird. Also es führt jetzt zu Weilen, aber inzwischen gibt es ähnlich in der Zeit, das sind ja auch in der Zeit wie so deutsche Bestrebungen. Deutsch 3 gibt es auch in Italien eben diese Bestrebungen. Es wird das Vereinigte Königreich Italien gegründet sozusagen. Und da wird Florenz vorübergehend Hauptstadt. Fast 20.000 neue Bewohner strömen in die Stadt. Regierungsbeamte, Familien und so weiter. Die ganze Altstadt wird umgebaut. Die Straßen werden renoviert. Alte Bauwerke abgerissen. Plätze modernisiert. Und viele dieser Bukette, dieser Weinfenster in diesem Stadtkern verschwinden dann einfach, weil sie zugemauert, überbaut oder einfach vergessen werden. Und dann, also wird Rom eh Hauptstadt und Florenz wird einem riesen Schuldenberg hinterlassen. Das ist auch geil. Und dann aber, das ist nur am Rande. Und dann kommen wieder so ein wiederkehrendes Thema. Es kommen nämlich die drei Weinplagen, mit denen wir uns ja jetzt schon in vergangenen Folgen immer wieder beschäftigen mussten. Zunächst in den 1860ern der echte Mehltau, 1870 die Reblaus und schließlich nochmal 78 auch der sogenannte falsche Mehltau. Das sind offensichtlich zwei verschiedene. Also drei Schläge innerhalb von nur zwei Jahrzehnten. Die Weinproduktion ist wirklich so massiv getroffen, dass es sich eh nicht mehr wirklich irgendwie, oder dass da nicht mehr so viel übrig bleibt, was man privat noch so aus so einem Weifenster verkaufen kann. Und selbst als sich dann die Weinberge erholen, da ändert sich die Welt drumherum. Industrialisierung, Globalisierung und so weiter. Jetzt kommt quasi der industrielle Wandel hinzu, der eben auch einfach das gesamte Kauf- und Konsumverhalten verändert. Wein gibt es jetzt überall, nicht mehr eben nur durch das diskrete Fenster im Adelspalast, sondern einfach in jedem Laden an der Ecke. Straßenbahnen erleichtern, trainieren Transport, du musst ja jetzt nicht mehr irgendwie nur noch deine Flasche auffüllen und so geraten dann ja, im Laufe des 20. Jahrhunderts tatsächlich die Bukette mehr und mehr in Vergessenheit. Bis die Corona-Pandemie das Ganze dann eben wiederbelebt. Und wir jetzt deswegen, also nicht nur deswegen wahrscheinlich, aber schon mitunter deswegen darüber sprechen können.
Marcel 2:48:13
Ja, also auch eine lange Geschichte. Aber irgendwie auch, ich habe jetzt parallel darüber nachgedacht, weil wir ja die ganze Zeit immer Richtung Burgund und Bordeaux referenzieren oder die ganze Weinwelt ja auch, was dann hier scheinbar ja auch nicht so stattgefunden hat. Also weil es halt dann irgendwie eher um die Masse ging als um die Qualität.
Heiko 2:48:32
Und offensichtlich anders als, also gut, jetzt gibt es bestimmt auch da Massenweine, aber du hast mir auf jeden Fall heute eher Qualitätsheizen anzeigen. Deswegen würde ich auch sagen, probieren wir nochmal abschließend vielleicht nicht alle sechs, aber so ein bisschen unsere Favoriten. Was war es bei dir?
Marcel 2:48:57
Also persönlich natürlich Tenuta Di Calione, Deswegen zweimal dabei heute. Istine. Und natürlich Le Bonzi.
Heiko 2:49:09
Ich muss auch sagen, also beide, Tenuta Di Cardiones und Le Bonzi werden wahrscheinlich meine Favoriten. Wobei ich gerade überlegen muss, in unserem ersten Weinpaar, was war denn dann nochmal das zweite?
Marcel 2:49:23
Der Brunello. Der alte.
Heiko 2:49:25
Der war glaube ich auch gut.
Marcel 2:49:27
Der steht ja gar nicht mehr.
Heiko 2:49:31
Ja, vielleicht, weil ich den gerade am wenigsten noch in Erinnerung habe. Vielleicht würde ich davon einen Schluck und im Vergleich zu dem letzten Tenuta di Corleone, vielleicht würde ich die beiden nochmal, Also einmal Brunello. Das heißt ja auch vor allem dann 100% Sangiovese gegen den Cabernet, Franc und Merlot. Und den wirklich traditionellen, ganz klassischen italienischen Wein, den wir kürzlich ja schon in einer Fassung von vor 40 Jahren gehabt haben, gegen unseren Patchwork-Wein. Also ich glaube, vielleicht ist das tatsächlich ganz gut, die beiden auch, also nicht ganz gut, aber einfach spannend.
Marcel 2:50:11
Die Frage wäre doch, welchen Wein würdest du heute aufmachen wollen?
Heiko 2:50:15
Also wenn ich jetzt noch entscheiden müsste, was wirklich mein aller, aller Favorits wäre, dann wäre es auf jeden Fall einer von den beiden Corleones. Corleones, sag ich jetzt, bin schon bei der Pate gelandet. Von den Corleones. Und ich fürchte fast auch, wenn ich, also ich finde es fast ein bisschen schade, weil ich würde gerne jetzt einen Chianti oder zumindest Tamimedese nennen, aber dieser der mit Cabernet, Franc und Merlot, der letzte, der war einfach wirklich, also es ist auch, also es war ja schon häufig so, das war jetzt der letzte und die frischeste Erinnerung, das ist vielleicht auch immer so ein bisschen, aber der war schon stark. Aber es waren alle, also es war wirklich, eigentlich alle wirklich gut.
Marcel 2:50:59
Der erste, Ja, das war so ein bewusster gegen.
Heiko 2:51:02
War super krass, zu dem großen Brunello. Aber er war jetzt auch nicht schlecht, aber da habe ich ja schon nach dem ersten, noch bevor ich die anderen fünf kannte, jetzt jetzt gesagt, da würde ich mir vielleicht jetzt nicht eine ganze Flasche von holen, aber als Glas war es ja trotzdem irgendwie war ja trotzdem lecker. Also was heißt auch, es klingt so, als hätten wir in den vergangenen Folgen auch schon mal Weine gehabt, die wir eklig fanden oder so, aber das ist ja eh nicht dabei. Nein.
Marcel 2:51:23
Also ich habe auch ein paar Sachen nicht reingenommen heute, aber wie gesagt, mir war der Kontrast beim ersten Mal wichtig.
Heiko 2:51:30
Hast du auch die beiden jetzt?
Marcel 2:51:31
Ja, ja, ich habe jetzt einfach den gleich.
Heiko 2:51:32
Okay, einmal den Le Bonzi nochmal?
Marcel 2:51:34
Nee.
Heiko 2:51:35
Ach, du hast direkt den.
Marcel 2:51:35
Brunello.
Heiko 2:51:36
Meine ich doch, sorry. Einmal den Brunello nochmal, Salouche.
Marcel 2:51:42
Boah, vom Geruch.
Heiko 2:51:43
Wenn man ihn direkt frisch eingetzt und er nicht vorhin stand, da ist schon krass.
Marcel 2:51:47
Der ist intensiv. Der hat halt so fast ein bisschen wie Klebstoff.
Heiko 2:51:54
Es schmeckt trotzdem auch einfach. Also nicht nach Klebstoff.
Marcel 2:51:59
Der hat halt wirklich dieses Tiefe. Wirklich dieses Balsamisch.
Heiko 2:52:05
Balsamisch. Also ja, stimme ich dir zu, aber um jetzt den höheren Hörern nicht in den falschen Eindruck zu sagen. Der schmeckt nicht nach Essig. So, weiß ich ja nicht.
Marcel 2:52:11
Aber ich weiß, was du meinst. Dunkle Tiefe, der bleibt ja auch einfach so.
Heiko 2:52:16
Dazu einmal noch mal kurz.
Marcel 2:52:19
Den einen dagegen.
Heiko 2:52:20
Der irritierend riecht. Aber einfach so fucking gut schmeckt. Sorry, aber doch, ich lege mich fest, das ist mein Favorit heute.
Marcel 2:52:35
Okay. Ja. Ich weiß auch gar nicht, den hatte ich auch, glaube ich, als okay, ich habe den einfach als geil bezeichnet.
Heiko 2:52:48
Also der andere war schon Schmackofatz, aber der… Aber ja, ich würde sagen, dann kommen wir zum Ende.
Marcel 2:52:56
Ja, und lassen noch mal das.
Heiko 2:53:00
Das ist wohl wahr. Vielen Dank. Ist es vorbei? Vielen Dank, dass ihr, falls ihr bis hierhin zugehört habt, vielen Dank, dass ihr bis hierhin zugehört habt. Ich hoffe und wir hoffen, dass ihr wieder Spaß hattet. Wie gesagt, lasst uns gerne, also generell Feedback ist immer gerne willkommen. Schreibt uns sonst auch gerne, aber gerne auch abonnieren und uns weiter einfach zuhören, denn klar machen wir das auch, weil wir einfach gerne Wein trinken, aber natürlich machen wir es auch, um euch ein bisschen Freude zu machen.
Marcel 2:53:31
Ja, auf jeden Fall.
Heiko 2:53:33
Und damit war es das mit unserem heutigen Geschluck aus der Geschichte. Geschluck.
Marcel 2:53:37
Das reicht, glaube ich, mehr Geschichte. Beim nächsten Mal machen wir was anderes als Wein, oder?
Heiko 2:53:42
Beim nächsten Mal machen wir was anderes als Wein, was fürchte ich aber nicht weniger alkoholisch wird.
Marcel 2:53:48
Okay. Vielen Dank. Euch einen schönen Frühling.
Heiko 2:53:54
Einen schönen Frühling? Wann musst du nur die nächste Folge kriegen? Also erstmal noch einen schönen Restwinter.
Marcel 2:54:01
Also es ist auf jeden Fall, die Vorfreude ist doch da.
Heiko 2:54:04
Ja. Floral.
Marcel 2:54:07
Floral. Vielleicht gibt es wirklich, also Frühblüher gibt es bestimmt schon.
Heiko 2:54:11
Mach mal hier das Ende jetzt. Ciao.
Marcel 2:54:13
Was tun wir weiter noch anstoßen?
Heiko 2:54:14
Tschüssi Kosti. Ciao.
Marcel 2:54:15
Ciao. Wir können gerne, achso, ich kann auch mal die Heizung noch hochdrehen und mach die Tür zu.
Heiko 2:54:50
Wobei, also, wenn du Angst hast, dass der warm zu weinen wird.
Marcel 2:54:55
Dann vielleicht nicht die Heizung. Der warm zu weinen wird?
Heiko 2:54:57
Der weinen zu warm wird.

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